PRAGMATISCHER PERFEKTIONISMUS. Warum „gut genug“ oft die smartere Strategie ist.

Perfektionismus klingt oft erstmal ziemlich gut: Nach hohen Ansprüchen, Disziplin und Qualität.

Perfektionismus klingt aber auch oft ganz anders: Nach viel zu hohen Ansprüchen, teils quälender Disziplin und einem Übermaß an Qualität.

So führt ein Zuviel an Perfektionismus fast immer auch zu ständigem inneren Druck, zu Angst vor Fehlern, zu einem endlosen Überarbeitet-sein (inkl. des diffusen Gefühls, nie wirklich fertig zu werden). Perfektionisten wirken daher nach außen hin zwar mega (leistungs)stark und dazu noch bestens organisiert – stehen innerlich aber nicht selten kurz vor dem absoluten Ausnahmezustand.

Wenn Perfektionismus zum Problem wird.

Unser Wunsch, die Dinge immer besser oder im Idealfall sogar am besten und besser als alle anderen zu machen, wird dann zum Problem. Problematisch wird ist unser Perfektionismus nämlich, wenn wir damit anfangen Perfektion und die damit verbundene Freiheit von Fehlern mit dem genauen Beziffern unseres Selbstwerts verwechseln („Ich muss perfekt sein unnd  fehlerfrei funktionieren – nur dann bin ich etwas wert.“). Unser (ursprünglich gut gemeinter) Perfektionismus wird daher ganz schnell zu einer Belastung für uns.

Was die Psychologie zum Perfektionismus zu sagen hat.

In der Psychologie unterscheiden wir zw. destruktivem und adaptivem Perfektionismus.

Der destruktive Perfektionismus-Typus klingt so:

  • „Erst wenn alles perfekt ist, kann ich zufrieden sein.“
  • „Das reicht noch nicht, das geht (und muss) besser.“
  • „Ich darf keine Fehler machen, sonst verliere ich an Ansehen.“

Das Ergebnis von destruktivem Perfektionismus ist häufig Überarbeitung, häufiges Grübeln, Aufschieberitis oder auch Kontrollzwang.

Der adaptive Perfektionismus-Typus klingt komplett anders:

  • „Bette done than perfect!“
  • „Das reicht doch, noch besser muss es aktuell nicht sein.“
  • „Ich darf Fehler machen, denn NOBODY IS PERFECT!“

Dabei geht es allein um die Fähigkeit, zwar weiterhin seine hohen individuellen Standards zu haben, sich dabei aber nicht in einen psychischen Würgegriff zu nehmen und unnötig unter Druck zu setzen.

Wie pragmatischer Perfektionismus uns weiterbringt.

Adaptiv perfektionistische Menschen fragen sich: „Was bringt mir den größten Effekt bei dem, was ich gerade vorhabe – und was ist evtl. gar nicht unbedingt nötig oder schlichtweg TOO MUCH?“

Das bekannt-bewährte Pareto-Prinzip verdeutlicht das recht einfach: 80 Prozent der Ergebnisse entstehen erfahrungsgemäß recht häufig durch nur 20 Prozent des Aufwands. Die restlichen 20 Prozent an Perfektion kosten uns dagegen unverhältnismäßig viel Energie. Die „80:20“-Regel ist pragmatisch, professionell und psychologisch gesehen eine absolute Stärke.

Was pragmatischer Perfektionismus mit uns macht.

Wir handeln wir schneller, bleiben flexibler, kommen besser mit Veränderungen zurecht, können Prioritäten sinnvoll(er) setzen, lernen leichter aus Fehlern und vor allem verschwenden wir weniger Energie auf irrelevante Perfektion.

Das bedeutet nicht, dass Anspruch und Qualität uns total egal wären. Wir verstehen aber, dass manchmal „Jetzt ist aber gut – und fertig“ deutlich stärker, klüger und gesünder ist als ein endloses „Das Projekt muss unbedingt perfekt sein (und wird daher aber auch nie so richtig abgeschlossen).“

Dank eines pragmatischen Perfektionismus´ können wir loslegen – und dabei ständig nachjustieren und optimieren, dazulernen und uns anpassen (ohne in der endlosen Perfektionsschleife stecken zu bleiben).

Wie wir pragmatischen Perfektionismus über können.

Pragmatischen Perfektionismus kann man trainieren. WIE? Ganz einfach SO:

  • PERFEKTIONSPAUSEN.

Zw. wirklich wichtig und weniger wichtig unterscheiden.

Nicht alles verdient unsere 100&ige Aufmerksamkeit und Energie. Hilfreich ist die Frage „Wo muss es wirklich absolut perfekt und präzise sein? Und wo geht es eher um mein eigenes Kontrollbedürfnis und meinen (zu hohen) Perfektionsanspruch?“. Denn manche Dinge brauchen Super-Sorgfalt – und andere eben nicht, sondern müssen einfach nur zum Abschluss gebracht werden.

  • MUT zu MIST.

Fehler zulassen und akzeptieren.

Viele Perfektionisten behandeln jeden Fehler wie ein kleines Waterloo. Aber nicht jeder Fehler ist eine Katastrophe. Denn aus Fehlern kann (und sollte) man lernen. Psychologisch gesehen wäre es daher viel sinnvoller Fehler als Lerneinheit zu verstehen, da wir häufig durch Anpassungen, Erfahrungen und Korrekturen etwas dazulernen.

  • DEADLINES statt DETAILS.

Bewusst früher abschließen.

Unser Perfektionismus liebt Endlosschleifen. Deshalb sollten wir ganz bewusst Grenzen setzen – durch bspw. einen festen Bearbeitungszeitraum (nach dem man ein Projekt beendet, obwohl es noch nicht perfekt ist), das Setzen klarer Prioritäten (nicht alles hat dieselbe Wichtigkeit) und einen definierten Punkt, an dem etwas einfach „gut genug“ ist.

  • SELBSTWERTSTÄRKE.

Den eigenen Wert nicht (allein) an Leistung koppeln.

Viele perfektionistische Denkmuster entstehen aus der inneren Überzeugung „Nur wenn ich alles 100%ig richtig mache, bin ich gut (genug).“ Psychisch deutlich stabiler werden wir, wenn wir lernen, dass Leistung zwar (sehr) wichtig ist, aber unseren Wert als Mensch und Individuum nicht vollständig repräsentiert – wir sind mehr als das.

FAZIT. Mein Impuls für dich.

Pragmatischer Perfektionismus bedeutet nicht, dass wir anspruchslos oder nachlässig sind. Wir setzen unsere die eigenen Qualitäten nur smart(er) ein – nämlich nur da, wo sie wirklich wichtig sind und einen Sinn ergeben. Mit pragmatischem Perfektionismus erzielen wir weiter gute Ergebnisse, aber eben nicht um jeden Preis. So können wir unsere To Dos viel besser priorisieren und leichter optimieren oder ggf. auch die ein oder andere Aufgabe einfach mal liegenlassen – ohne sofort das Gefühl zu haben, die Kontrolle über unsere Agenda zu verlieren.

Kurz, knapp & klar: Du musst nicht perfekt sein, um etwas zu bewegen. Es reicht, wenn du auf hohem Level pragmatisch bist.