[Link] Plädoyer im Ärzteblatt für breitere Psychotherapie-Forschung

[Aufgrund verschiedener Verbands-Aktivitäten, bei denen ich maßgeblich involviert bin, müssen die versprochenen Artikel leider noch ein bisschen warten. Damit es aber nicht langweilig wird, hier ein sehr lesenswerter Artikel von einem renommierten Psychologie-Professor]

„Wir brauchen eine Vielfalt an evidenzbasierter Psychotherapie“

In der Oktober-Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts plädiert Professor Falk Leichsenring für eine breitere Psychotherapie-Forschung. Er weist darauf hin, dass mit den drei von der Krankenkasse finanzierten Psychotherapieverfahren und medikamentösen Methoden vielen Patienten nicht geholfen werden kann und diskutiert die Problematik und die Gründe, dass sich beinahe die gesamte Psychotherapie-Forschung um Kurzzeittherapien mit bis zu 16 Stunden Länge (also eine Variante der Verhaltenstherapie) dreht.

Mir selbst ist aus dem Studium und Hospitationszeiten in psychotherapeutischen Einrichtungen die Verhaltenstherapie relativ vertraut. Ihre Stärke liegt ganz klar in den Skills, die sie den Patienten vermittelt und kann damit für viele Menschen eine Verbesserung ihrer Symptomatik erzielen. Die analytische Psychotherapie (neben der Psychoanalyse, dem dritten Richtlinienverfahren) ist mir natürlich aus meiner Ausbildung am C.G. Jung-Institut vertraut und hat ihre große Stärke unter Anderem in den Theorien zu Archetypen, Traumdeutung und im therapeutischen Sandspiel. Die analytische Therapie ist zwar ebenfalls als Verfahren anerkannt und wird von den Kassen übernommen, wird aber dramatisch weniger erforscht.

Andere Verfahren, beispielsweise die humanistische Psychotherapie, unter der sich Methoden wie Transaktionsanalyse, Körperpsychotherapie, Gestaltpsychotherapie oder Psychodrama vereinigen, haben in der universitären Forschung beinahe keine Chance; dabei bieten sie ebenfalls wunderbare Methoden, die für viele Menschen hilfreich sein könnten. Gerade für die, die mit den drei Richtlinienverfahren keine Erfolge erzielen konnten.
Leichsenring spricht diese anderen Verfahren in seinem Artikel nicht an, aber gerade hier wünsche ich mir eine weitere Öffnung.

Dennoch sehe ich diesen Artikel als einen wichtigen Wegweiser und freue mich, dass er im Ärzteblatt platziert wurde. In unserem Gesundheits- und Forschungssystem muss sich an dieser Stelle – zum Wohle der Hilfesuchenden! – grundlegend etwas ändern.

Nachtrag: An dieser Stelle gibt es sogar eine Bundestags-Petition mit dem Ziel, (zumindest) alle drei Richtlinienverfahren wieder in die universitäre Lehre und die Universitätsambulanzen einzubringen. Bisher sind 59 von 60 Lehrstühlen von Verhaltenstherapeuten besetzt – ein m.E. unhaltbarer Zustand. Ich freue mich, dass es jetzt sogar diese Bundestagspetition dazu gibt und ermutige sehr zur Unterzeichnung!

Erklärungsmodell vom Müll bis zur Sucht – die Ausblendungstabelle der Transaktionsanalyse

Gestern startete die Aktion „The Ocean Cleanup“ – das Ziel ist es, mit einer gigantischen „Schwimmnudel“ den Plastikmüll aus den Ozeanen zu fischen.

Das Thema „Plastikmüll“ ist ja wahrhaftig nichts Neues, dennoch hat es einen langen Weg zurücklegen müssen, bis es im Bewusstsein der Menschen wirklich angekommen ist. Warum ist das so? Inzwischen scheint es unvorstellbar, dass die Tatsache, dass Müllteppiche von der 3-fachen Größe Frankreichs (!) im Ozean treiben, jahrelang keine Beachtung fand.

Wie können wir das psychologisch verstehen?

Eine Hilfestellung könnte uns die Ausblendungstabelle aus der Transaktionsanalyse leisten. Entwickelt vom Ehepaar Schiff (1971) und ergänzt von Leonhard Schlegel bietet sie für verschiedenste Situationen, von der Alkoholabhängigkeit bis hin zu unserem Müllproblem, einen interessanten Ansatz. Unter psychoanalytischen Gesichtspunkten kann man sie auch als eine Aufdröselung des Abwehr-Phänomens betrachten – also auch für den psychotherapeutischen Kontext ein wunderbares Modell.

 

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Weinender Wüterich und schreiende Trauer – Ersatzgefühle

Im Gespräch mit Patientinnen höre ich oft, wenn ich nach dem Umgang mit Wut frage, die Antwort: „Dann fange ich an zu weinen und ziehe mich zurück“. Patienten antworten auf die Frage, was sie bei Traurigkeit tun, oft: „Dann fange ich an zu schreien“.
Wir kommen dann meist schnell zu der Feststellung, dass Weinen eigentlich nicht so gut zur Wut passt und Schreien nicht (an erster Stelle) zur Traurigkeit; eigentlich müsste man die Reaktionen eher umgekehrt zuordnen.
Wieso also geschieht das und weshalb ist es meiest so, dass gerade Frauen in der Wut eher weinen und Männer bei Traurigkeit laut werden? Um das zu verstehen, können wir uns das Konzept der Ersatzgefühle aus der Transaktionsanalyse zunutze machen.

Bei diesem sogenannten Ersatzgefühl handelt es sich um ein Gefühl, das anstelle des eigentlichen Gefühls gezeigt (und oft auch gefühlt) wird – so, wie in den obigen Beispielen. Dabei handelt es sich meist um ein Muster, das wir seit frühester Kindheit so praktizieren. Wenn wir auf ein Ersatzgefühl zurückgreifen, hat das meist den Ursprung, dass das „echte“ Gefühl in der Kindheit nicht erlaubt war. Jungs bekommen noch immer häufig zu hören: „Ein Junge weint nicht!“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ und Mädchen: „Als Dame benimmt man sich aber nicht so!“. Ersatzgefühle haben also häufig etwas mit unseren Rollenklischees zu tun, die uns anerzogen werden. Bei vielen Menschen blieb es auch nicht beim ermahnenden „das tut man aber nicht“, sondern es wurde eine Strafe angedroht oder umgesetzt. Ich erinnere mich an einen Klienten, der mir erzählte, man habe ihm bei einem Arztbesuch als Kind mit einer Spritze gedroht, wenn er nicht sofort aufhöre, so unmännlich zu weinen.

Vom Ersatzgefühl wieder ins Fühlen und Äußern des echten Gefühls zu kommen, ist oft ein ganzes Stück Weg, aber einer, der sich lohnt. Denn auf unseren Ersatzgefühlen bleiben wir schlussendlich doch „sitzen“; die eigentliche Energie, die in der Wut steckt und die man beispielsweise in der Abgrenzung benötigt, verpufft in Tränen und kann nicht wirksam werden. Und den nötigen Rückzug oder das Getröstetwerden, das die Traurigkeit impliziert, bekomme ich nicht, wenn ich schreie.

 

 

(Bildquelle: https://pixabay.com/de/wut-w%C3%BCtend-frustriert-emotion-zorn-1015611/)