Auch Psychologen kochen nur mit Wasser

Kürzlich war ich auf einer Weihnachtsfeier eingeladen und hatte Gelegenheit, mit einer Dame ins Gespräch zu kommen. Wir kennen uns schon viele Jahre und unterhalten uns immer wieder gerne. Sie erzählte mir etwas Persönliches und schloss ihren Bericht mit dem Satz ab: „Aber du bist ja Psychologin, das weißt du ja bestimmt schon ganz lang„.

Hat sie Recht? Wusste ich das schon ganz lang?

Solche Aussagen begegnen mir recht häufig. „Das hast du ja sicher schon bei unserer ersten Begegnung gesehen!“, „Ich hab mich selber da noch nicht verstanden, aber du kannst mir das ja bestimmt erklären“ oder „Ach, das hast du ja eh schon gemerkt“ sind nur einige Beispiele. Offenbar traut man mir durch meinen Beruf Superfähigkeiten zu. Ein Mal sagte ich im Spaß zu jemandem: „Ja, wie man Leute durchschaut, indem man ihnen ein Mal tief in die Augen sieht, lernt man im dritten Semester!“. Die Person sah mich daraufhin mit großen Augen an und formte mit dem Mund ein erstauntes „Ooooh“. Erst in dem Moment begriff ich erschrocken, dass man mir das geglaubt hat. Aufklärung war also angesagt….

Weiterlesen „Auch Psychologen kochen nur mit Wasser“

[Link] Plädoyer im Ärzteblatt für breitere Psychotherapie-Forschung

[Aufgrund verschiedener Verbands-Aktivitäten, bei denen ich maßgeblich involviert bin, müssen die versprochenen Artikel leider noch ein bisschen warten. Damit es aber nicht langweilig wird, hier ein sehr lesenswerter Artikel von einem renommierten Psychologie-Professor]

„Wir brauchen eine Vielfalt an evidenzbasierter Psychotherapie“

In der Oktober-Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts plädiert Professor Falk Leichsenring für eine breitere Psychotherapie-Forschung. Er weist darauf hin, dass mit den drei von der Krankenkasse finanzierten Psychotherapieverfahren und medikamentösen Methoden vielen Patienten nicht geholfen werden kann und diskutiert die Problematik und die Gründe, dass sich beinahe die gesamte Psychotherapie-Forschung um Kurzzeittherapien mit bis zu 16 Stunden Länge (also eine Variante der Verhaltenstherapie) dreht.

Mir selbst ist aus dem Studium und Hospitationszeiten in psychotherapeutischen Einrichtungen die Verhaltenstherapie relativ vertraut. Ihre Stärke liegt ganz klar in den Skills, die sie den Patienten vermittelt und kann damit für viele Menschen eine Verbesserung ihrer Symptomatik erzielen. Die analytische Psychotherapie (neben der Psychoanalyse, dem dritten Richtlinienverfahren) ist mir natürlich aus meiner Ausbildung am C.G. Jung-Institut vertraut und hat ihre große Stärke unter Anderem in den Theorien zu Archetypen, Traumdeutung und im therapeutischen Sandspiel. Die analytische Therapie ist zwar ebenfalls als Verfahren anerkannt und wird von den Kassen übernommen, wird aber dramatisch weniger erforscht.

Andere Verfahren, beispielsweise die humanistische Psychotherapie, unter der sich Methoden wie Transaktionsanalyse, Körperpsychotherapie, Gestaltpsychotherapie oder Psychodrama vereinigen, haben in der universitären Forschung beinahe keine Chance; dabei bieten sie ebenfalls wunderbare Methoden, die für viele Menschen hilfreich sein könnten. Gerade für die, die mit den drei Richtlinienverfahren keine Erfolge erzielen konnten.
Leichsenring spricht diese anderen Verfahren in seinem Artikel nicht an, aber gerade hier wünsche ich mir eine weitere Öffnung.

Dennoch sehe ich diesen Artikel als einen wichtigen Wegweiser und freue mich, dass er im Ärzteblatt platziert wurde. In unserem Gesundheits- und Forschungssystem muss sich an dieser Stelle – zum Wohle der Hilfesuchenden! – grundlegend etwas ändern.

Nachtrag: An dieser Stelle gibt es sogar eine Bundestags-Petition mit dem Ziel, (zumindest) alle drei Richtlinienverfahren wieder in die universitäre Lehre und die Universitätsambulanzen einzubringen. Bisher sind 59 von 60 Lehrstühlen von Verhaltenstherapeuten besetzt – ein m.E. unhaltbarer Zustand. Ich freue mich, dass es jetzt sogar diese Bundestagspetition dazu gibt und ermutige sehr zur Unterzeichnung!