Ausblick

Liebe Leser,

Urlaubsbedingt kam es nun zu einer etwas längeren Pause; für die nächsten Tage und Wochen sind allerdings schon wieder einige Beiträge in den Startlöchern. Hier eine kleine Vorschau auf das, was für die nächste Zeit geplant ist:

  • Buchbesprechung: „Narzissmus – das innere Gefängnis“ von Heinz-Peter Röhr
  • Ein Beitrag zum Thema „Borderline“ und Fehldiagnosen
  • Ein Beitrag zum Thema „Spiegelung“ (im Rückgriff auf den Beitrag „Susi ohne Mama – Generation Handy“)
  • Gänseblümchen der Woche – Urlaubsversion (zum Gänseblümchen-Konzept hier)
  • Ein Beitrag zum Thema „Komplextheorie von C.G. Jung“
  • … und noch manches mehr – es soll ja auch noch ein bisschen spannend bleiben. 😉

 

Worauf seid ihr/sind Sie am meisten gespannt?

 

Bildnachweis: Pixabay

C.G. Jung und Elias Canetti: „Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe“

Heute ein kleiner Theorie-Exkurs zu einem Geniestreich von Carl-Gustav Jung:

Währen Freud mit seinem Werk „Die Traumdeutung“ die Grundlage der Psychoanalyse und der Traumdeutung schuf und große Bekanntheit erlangte, wurden Jungs Traumtheorien leider zumindest außerhalb des Dunstkreises der analytischen Psychologie weniger rezipiert. Dabei können wir sowohl als Laien als auch als Profis sehr vom Konzept der subjektstufigen Deutung profitieren: Jung stellte nämlich die Hypothese auf, dass uns im Traum auch ungelebte Anteile von uns selbst begegnen.

Dazu ein Beispiel:

Stellen wir uns mal einen tüchtigen Geschäftsmann vor, der mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen hat. Irgendwo im Vorstand eines großen Konzerns tätig, Anzug, geputzte Schuhe, perfekt frisiert und rasiert, die Krawatte sitzt. Dieser Mann hat einen Traum.

Er ist mitten in einer wichtigen Geschäftssitzung, umgeben von Kollegen in einem Luxusbüro. Der Kaffee auf dem Tisch, die Häppchen dekorativ auf einem kleinen Buffet platziert, der Beamer wirft die aktuellen Geschäftszahlen an die Wand. Plötzlich taucht ein anderer Mann auf, in legerem, fast schon heruntergekommenem Look, mit derbem Humor, der die Sitzung unterbricht und sich Raum verschafft.

Würden wir uns mit diesem Geschäftsmann unterhalten, würde er vielleicht erzählen, dass er sein professionelles Dasein eigentlich sehr genießt. Gleichzeitig würde aber vielleicht deutlich, dass der enge Arbeitsalltag mit den 10-Stunden-Tagen ihm keine Möglichkeit gibt, auch mal ganz ausgelassen zu sein, herumzublödeln, einfach mal in den Tag hinein zu leben und in Schlabberkleidung durch die Gegend zu laufen.
Der Traum zeigt, dass diese Seite irgendwo auch noch in ihm lebt – tot ist sie nicht, aber sie findet bisher nur im Traum eine Ausdrucksmöglichkeit. Es ist sehr wahrscheinlich, dass seine depressiven Stimmungen nachlassen und vielleicht sogar verschwinden würden, wenn er es schaffen könnte, diesem „Schlabber-Mann“ einen Platz in seinem Leben einzuräumen und nicht seine Energie dafür aufwenden müsste, diesen Anteil im Verborgenen zu halten.

Elias Canetti soll einmal gesagt haben: „Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.“

Vielleicht ist dieser Traum also auch als Hilfeschrei zu deuten?

In der jungianischen Psychologie spricht man in diesem Fall von einer kompensatorischen bzw. homöostatischen Funktion des Traums, denn er schafft einen Ausgleich zwischen bewussten und unbewussten Anteilen der Psyche.

Ich finde, dieser Traum lädt dazu ein, auch mal eine andere Seite an sich kennenzulernen und auszuprobieren. Das kann sehr bereichernd sein. Und es bedeutet ja nicht, künftig nur noch das Schlabberleben leben zu sollen. Aber scheinbar meldete sich dieser Anteil, um auf eine andere Seite des Lebens und der eigenen Persönlichkeit aufmerksam zu machen, die bisher nur ein Schattendasein führen durfte.