Sind Computerspiele psychotherapeutisch nutzbar?

Zu diesem Thema werde ich sicher öfter schreiben, da ich in meiner Arbeit mit jungen Erwachsenen sehr häufig genau damit konfrontiert bin (zudem -pssst- spiele ich selbst leidenschaftlich gerne Computerspiele…) und mir die Spiele und mein inhaltliches Wissen dazu häufig auf verschiedenen Ebenen zunutze machen kann.

Ein Paradebeispiel ist meines Erachtens das nicht umsonst hoch ausgezeichnete Rollenspiel „The Witcher 3“. Die Hauptgeschichte handelt davon, dass Geralt, ein Hexer (Monsterjäger), auf der Suche nach seiner Ziehtochter Ciri ist, die besondere Fähigkeiten besitzt und wahrscheinlich untergetaucht ist. Im grafisch und inhaltlich wirklich beeindruckenden Spiel geht es darum, Ciri zu finden, aber das große Königreich bietet natürlich allerlei Monster und Banditen, spannende Nebengeschichten und vieles mehr. Je nachdem, welche Entscheidungen man im Spiel trifft bzw. wie man mit den Spielcharakteren umgeht, verändert sich die Spielwelt und die möglichen Szenarien.

In einer Grafschaft findet Geralt an Bäumen und Häusern Vermisstenplakate von Tochter und Frau des Barons. Beim Besuch des Barons stellt sich heraus, dass dieser alkoholabhängig ist und im Suff seine schwangere Frau die Treppe heruntergestoßen hat, wodurch diese ihr Baby verlor und traumatisiert mit der anderen Tochter floh. Das Baby, das er in gewisser Entfernung zu seinem Anwesen verscharrt hat, hat sich nun in ein Monster verwandelt, das ihn nachts heimsucht.

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„Die Manschaft“ als Sinnbild einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur

 

Diesen Beitrag habe ich für einen kleineren Leserkreis hier schon kurz nach dem WM-Aus veröffentlicht; aber nachdem Herr Löw heute nochmals Stellung bezogen hat und die Sache wieder an Aktualität gewonnen hat, habe ich mich dazu entschieden, ihn auch hier – unverändert – zu veröffentlichen.
Die Hypothese ist steil, sie steht schon im Titel. „Die Mannschaft“ als Sinnbild einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur.
In einer psychotherapeutischen Arbeit mit einem Patienten würde ich mich langsam mit dieser Hypothese vorarbeiten, neue Informationen auf Verträglichkeit mit der Hypothese prüfen, nach und nach eventuell in kleinen Häppchen mein Gegenüber damit konfrontieren. All das ist in diesem Fall natürlich nicht möglich und so kann ich nur die Eindrücke der letzten Spiele sammeln, nachspüren, was ich bei mir selbst erspürt habe („Gegenübertragung“ nennen wir das) und den Versuch wagen, ein Modell daraus zu formen.

Die deutsche Mannschaft hat den mythischen „Fluch des Weltmeisters“ weitergetragen – Ende in der Vorrunde. Wie konnte das passieren? Gemutmaßt wird viel; schnell sind Schuldige gefunden. Hätte xy nicht gespielt, dann… Ist es so einfach?

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„Ist das nicht schwierig?“

Stelle ich mich und meinen Beruf vor, werde ich häufig gefragt, ob das nicht „schwierig“ und „belastend“ sei,„immer diese schlimmen Geschichten anhören zu müssen“. Viele Menschen sind dann überrascht, wenn ich entgegne, dass ich eine ganz andere Kategorie Gespräche als schwierig empfinde.

Wenn ich an schwierige Gespräche denke, sind das nicht in erster Linie die Gespräche über traumatisierende Erlebnisse. Von diesen lasse ich mich natürlich berühren, kann dann aber auch professionell Abstand nehmen – ich nutze hier gerne das Bild von zwei Booten: Der Patient/Klient sitzt im einen Boot, ich im anderen. Ich steige mit einem Bein ins Boot des Patienten – lasse mich also berühren von dem, was ihn bewegt – bleibe aber mit dem anderen Bein in meinem eigenen Boot – behalte mir (und meinem Gegenüber!) also die Sicherheit und Stabilität meines eigenen Bootes.

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Wozu brauchen wir Wut?

Die Wut gehört zu den Gefühlen, die wir meist nicht  sogern an uns sehen. Sie scheint nicht in das Bild zu passen, das wir von uns haben als zivilisierte Bürger, als zuverlässiger Arbeitnehmer, als gute Ehefrau, liebender Vater,… Noch heute wachsen viele Menschen mit der Botschaft auf, dass man nicht wütend zu sein hat, denn dann passiert automatisch etwas Schlimmes. Schließlich geht immer etwas kaputt, wenn man wütend ist.
In diesen wenigen Sätzen stecken eine ganze Reihe an Missverständnissen und falschen Voraussetzungen. Habt ihr sie gefunden?

Ausschlaggebend dafür ist meines Erachtens die falsche (!) grundsätzliche Auffassung, dass Wut destruktiv ist. Mit Wut zerstören wir nicht grundsätzlich etwas. In ihrer Grundform als Gefühl ist Wut erst einmal Energie. In der Wut könnten wir Bäume ausreißen, eine Kraft wird frei, mit der wir oft nicht umzugehen wissen. Und dann geschieht es oft, dass diese Kraft in die falschen Kanäle gelenkt wird und dann eben doch destruktiv genutzt wird. Beispiele dafür finden wir jeden Tag in den Nachrichten. Falsch kanalisierte Wut führt zu destruktiven Verhaltensweisen, aber die Wut an sich ist nicht destruktiv.

Dass man Wut konstruktiv nutzen kann und auch dafür gedacht ist, ist für viele meiner Patienten eine ganz neue Erkenntnis. Wut ist sogar ein sehr wichtiges Gefühl – sie zeigt mir nämlich, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Zum Beispiel dann, wenn ein für mich wichtiger Wert in Gefahr ist. Oft sind das Grenzüberschreitungen in irgendeiner Form: Ein aufdringlicher Nachbar, der beim Paketabgeben ungefragt in die Wohnung kommen will, ein Unbekannter, der eine mir wichtige Person beleidigt oder ein Ehestreit, in dem sich die Partner in ihren Bedürfnissen nicht mehr gesehen oder ernst genommen fühlen. Diese Beispiele haben etwas gemeinsam: Man kann die Energie der Wut konstruktiv nutzen: Um den Nachbarn mit einem bestimmten Ton der Wohnung zu verweisen, die Beleidigungen durch den Unbekannten zu unterbinden oder klar Position zu seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen gegenüber seinem Partner zu beziehen. Ohne die Energie, die uns durch die Wut und das Adrenalin zugeführt wird, könnten wir uns an diesen Stellen nicht abgrenzen. Und diese Abgrenzung kann (und soll!) ohne den Einsatz von Gewalt geschehen!

Schauen wir uns die Dame oben im Bild an, wird eins klar: Wir sollten ihr nicht zu nahe kommen – die hat Power und wird ihre Position verteidigen. Weinend könnte sie diese Botschaft nicht transportieren.
Und dann mogeln sich da noch unsere Rollenklischees unter, wie ich sie schon im letzen Beitrag ausgeführt habe: Als Dame schickt es sich nicht, wütend zu sein.

In unserer Gesellschaft wird Wut leider automatisch und unreflektiert mit „Gewalt“ gleichgesetzt, wodurch ihr ein negatives Image anhaftet, das ihr eigentlich gar nicht zusteht…

 

 

(Bildquelle: https://pixabay.com/de/zorn-w%C3%BCtend-schlecht-isoliert-18615/)

Weinender Wüterich und schreiende Trauer – Ersatzgefühle

Im Gespräch mit Patientinnen höre ich oft, wenn ich nach dem Umgang mit Wut frage, die Antwort: „Dann fange ich an zu weinen und ziehe mich zurück“. Patienten antworten auf die Frage, was sie bei Traurigkeit tun, oft: „Dann fange ich an zu schreien“.
Wir kommen dann meist schnell zu der Feststellung, dass Weinen eigentlich nicht so gut zur Wut passt und Schreien nicht (an erster Stelle) zur Traurigkeit; eigentlich müsste man die Reaktionen eher umgekehrt zuordnen.
Wieso also geschieht das und weshalb ist es meiest so, dass gerade Frauen in der Wut eher weinen und Männer bei Traurigkeit laut werden? Um das zu verstehen, können wir uns das Konzept der Ersatzgefühle aus der Transaktionsanalyse zunutze machen.

Bei diesem sogenannten Ersatzgefühl handelt es sich um ein Gefühl, das anstelle des eigentlichen Gefühls gezeigt (und oft auch gefühlt) wird – so, wie in den obigen Beispielen. Dabei handelt es sich meist um ein Muster, das wir seit frühester Kindheit so praktizieren. Wenn wir auf ein Ersatzgefühl zurückgreifen, hat das meist den Ursprung, dass das „echte“ Gefühl in der Kindheit nicht erlaubt war. Jungs bekommen noch immer häufig zu hören: „Ein Junge weint nicht!“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ und Mädchen: „Als Dame benimmt man sich aber nicht so!“. Ersatzgefühle haben also häufig etwas mit unseren Rollenklischees zu tun, die uns anerzogen werden. Bei vielen Menschen blieb es auch nicht beim ermahnenden „das tut man aber nicht“, sondern es wurde eine Strafe angedroht oder umgesetzt. Ich erinnere mich an einen Klienten, der mir erzählte, man habe ihm bei einem Arztbesuch als Kind mit einer Spritze gedroht, wenn er nicht sofort aufhöre, so unmännlich zu weinen.

Vom Ersatzgefühl wieder ins Fühlen und Äußern des echten Gefühls zu kommen, ist oft ein ganzes Stück Weg, aber einer, der sich lohnt. Denn auf unseren Ersatzgefühlen bleiben wir schlussendlich doch „sitzen“; die eigentliche Energie, die in der Wut steckt und die man beispielsweise in der Abgrenzung benötigt, verpufft in Tränen und kann nicht wirksam werden. Und den nötigen Rückzug oder das Getröstetwerden, das die Traurigkeit impliziert, bekomme ich nicht, wenn ich schreie.

 

 

(Bildquelle: https://pixabay.com/de/wut-w%C3%BCtend-frustriert-emotion-zorn-1015611/)