Ritzen

Wenn der innere Kampf nach außen dringt

In meiner psychotherapeutischen Arbeit spreche ich häufig mit (hauptsächlich) jungen Menschen, die sich ritzen oder früher geritzt haben. Meist erzählen sie mir, dass sie im Umfeld auf großes Unverständnis stoßen. Häufig hören sie Aussagen wie „Lass es doch einfach sein!“ oder „wie kannst du sowas nur machen??“ und fühlen sich unverstanden. Leider höre ich auch immer wieder von Fällen, in denen die Betroffenen selbst bei Psychotherapeuten auf Unverständnis getroffen zu sein scheinen.
In diesem Artikel möchte ich einen kleinen Einblick in dieses Thema geben, mit dem sich eigentlich ganze Bücher füllen lassen.

Ritzen – was ist das überhaupt?

Beim Ritzen schneidet sich die betroffene Person mit einem spitzen/scharfen Gegenstand, oft eine Schere oder Rasierklinge, in die Haut. Häufig wird dazu die Innenseite des Unterarms benutzt, aber auch der Oberschenkel oder andere Stellen sind möglich. Bei den Wunden handelt es sich um Einschnitte unterschiedlicher Tiefe und Länge, die von leichten Kratzern bis hin zu relativ tiefen Schnitten reichen können.

Warum ritzen sich Menschen?

Die Gründe fürs Ritzen sind meiner Erfahrung nach mindestens so verschieden wie die Menschen selbst. In meinen Gesprächen versuche ich, mit der betroffenen Person eine möglichst individuelle Antwort auf diese Frage zu finden.

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[Link] Plädoyer im Ärzteblatt für breitere Psychotherapie-Forschung

[Aufgrund verschiedener Verbands-Aktivitäten, bei denen ich maßgeblich involviert bin, müssen die versprochenen Artikel leider noch ein bisschen warten. Damit es aber nicht langweilig wird, hier ein sehr lesenswerter Artikel von einem renommierten Psychologie-Professor]

„Wir brauchen eine Vielfalt an evidenzbasierter Psychotherapie“

In der Oktober-Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts plädiert Professor Falk Leichsenring für eine breitere Psychotherapie-Forschung. Er weist darauf hin, dass mit den drei von der Krankenkasse finanzierten Psychotherapieverfahren und medikamentösen Methoden vielen Patienten nicht geholfen werden kann und diskutiert die Problematik und die Gründe, dass sich beinahe die gesamte Psychotherapie-Forschung um Kurzzeittherapien mit bis zu 16 Stunden Länge (also eine Variante der Verhaltenstherapie) dreht.

Mir selbst ist aus dem Studium und Hospitationszeiten in psychotherapeutischen Einrichtungen die Verhaltenstherapie relativ vertraut. Ihre Stärke liegt ganz klar in den Skills, die sie den Patienten vermittelt und kann damit für viele Menschen eine Verbesserung ihrer Symptomatik erzielen. Die analytische Psychotherapie (neben der Psychoanalyse, dem dritten Richtlinienverfahren) ist mir natürlich aus meiner Ausbildung am C.G. Jung-Institut vertraut und hat ihre große Stärke unter Anderem in den Theorien zu Archetypen, Traumdeutung und im therapeutischen Sandspiel. Die analytische Therapie ist zwar ebenfalls als Verfahren anerkannt und wird von den Kassen übernommen, wird aber dramatisch weniger erforscht.

Andere Verfahren, beispielsweise die humanistische Psychotherapie, unter der sich Methoden wie Transaktionsanalyse, Körperpsychotherapie, Gestaltpsychotherapie oder Psychodrama vereinigen, haben in der universitären Forschung beinahe keine Chance; dabei bieten sie ebenfalls wunderbare Methoden, die für viele Menschen hilfreich sein könnten. Gerade für die, die mit den drei Richtlinienverfahren keine Erfolge erzielen konnten.
Leichsenring spricht diese anderen Verfahren in seinem Artikel nicht an, aber gerade hier wünsche ich mir eine weitere Öffnung.

Dennoch sehe ich diesen Artikel als einen wichtigen Wegweiser und freue mich, dass er im Ärzteblatt platziert wurde. In unserem Gesundheits- und Forschungssystem muss sich an dieser Stelle – zum Wohle der Hilfesuchenden! – grundlegend etwas ändern.

Nachtrag: An dieser Stelle gibt es sogar eine Bundestags-Petition mit dem Ziel, (zumindest) alle drei Richtlinienverfahren wieder in die universitäre Lehre und die Universitätsambulanzen einzubringen. Bisher sind 59 von 60 Lehrstühlen von Verhaltenstherapeuten besetzt – ein m.E. unhaltbarer Zustand. Ich freue mich, dass es jetzt sogar diese Bundestagspetition dazu gibt und ermutige sehr zur Unterzeichnung!

Flow – ein Zustand, der uns nicht nur beim Computerspielen begegnet

Csíkszentmihályi und das Flow-Erleben: erklärt und auf das Computerspielen übertragen

Schon mal einen Computerspieler in einem Flow-Zustand gesehen? Vielleicht in einem Fernsehbeitrag. Sämtliche Aufmerksamkeit ist auf das Spiel fokussiert; man könnte meinen, der Spieler verschmilzt mit dem Bildschirm. In gewissen Kreisen wird im Internet darüber gewitzelt, wie am Titelbild zu erkennen ist. Der junge Mann scheint die attraktiven Frauen um ihn herum überhaupt nicht wahrzunehmen.

Was hier auf die Schippe genommen wird, wirkt für Außenstehende manchmal gruselig. Ein solches Absorbiertsein in einer virtuellen Realität, kann das gesund sein?

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Erklärungsmodell vom Müll bis zur Sucht – die Ausblendungstabelle der Transaktionsanalyse

Gestern startete die Aktion „The Ocean Cleanup“ – das Ziel ist es, mit einer gigantischen „Schwimmnudel“ den Plastikmüll aus den Ozeanen zu fischen.

Das Thema „Plastikmüll“ ist ja wahrhaftig nichts Neues, dennoch hat es einen langen Weg zurücklegen müssen, bis es im Bewusstsein der Menschen wirklich angekommen ist. Warum ist das so? Inzwischen scheint es unvorstellbar, dass die Tatsache, dass Müllteppiche von der 3-fachen Größe Frankreichs (!) im Ozean treiben, jahrelang keine Beachtung fand.

Wie können wir das psychologisch verstehen?

Eine Hilfestellung könnte uns die Ausblendungstabelle aus der Transaktionsanalyse leisten. Entwickelt vom Ehepaar Schiff (1971) und ergänzt von Leonhard Schlegel bietet sie für verschiedenste Situationen, von der Alkoholabhängigkeit bis hin zu unserem Müllproblem, einen interessanten Ansatz. Unter psychoanalytischen Gesichtspunkten kann man sie auch als eine Aufdröselung des Abwehr-Phänomens betrachten – also auch für den psychotherapeutischen Kontext ein wunderbares Modell.

 

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Boreout – wenn die Arbeit unerträglich langweilig wird

Boreout – als ich dieses Wort kürzlich im Freundeskreis erwähnte, sahen mich ganz viele Augenpaare fragend an. Was ist denn das schon wieder?!

Das Gegenstück zum Boreout-Syndrom, das sogenannte Burnout-Syndrom, ist besser bekannt. Zwar keine diagnostische Kategorie laut ICD-10 oder DSM-IV/V, aber doch weiß jeder so ungefähr, was das ist. Arbeitsunfähigkeit durch Überlastung, welche meist Ursachen in mangelnder Anerkennung, (zu) hohen Ansprüchen an sich selbst und nicht ausreichendem Selbstschutz hat. Das voll ausgeprägte Bild eines Burnout-Syndroms kann sich unter anderem in starker körperlicher und emotionaler Erschöpfung, Gefühl der Sinnentleerung, Zynismus und Gleichgültigkeit zeigen. Es folgen lange Krankschreibungen und oft ein steiniger Weg der Gesundung. Auch für den Arbeitgeber ist dies mit großen Kosten verbunden.

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C.G. Jung und Elias Canetti: „Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe“

Heute ein kleiner Theorie-Exkurs zu einem Geniestreich von Carl-Gustav Jung:

Währen Freud mit seinem Werk „Die Traumdeutung“ die Grundlage der Psychoanalyse und der Traumdeutung schuf und große Bekanntheit erlangte, wurden Jungs Traumtheorien leider zumindest außerhalb des Dunstkreises der analytischen Psychologie weniger rezipiert. Dabei können wir sowohl als Laien als auch als Profis sehr vom Konzept der subjektstufigen Deutung profitieren: Jung stellte nämlich die Hypothese auf, dass uns im Traum auch ungelebte Anteile von uns selbst begegnen.

Dazu ein Beispiel:

Stellen wir uns mal einen tüchtigen Geschäftsmann vor, der mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen hat. Irgendwo im Vorstand eines großen Konzerns tätig, Anzug, geputzte Schuhe, perfekt frisiert und rasiert, die Krawatte sitzt. Dieser Mann hat einen Traum.

Er ist mitten in einer wichtigen Geschäftssitzung, umgeben von Kollegen in einem Luxusbüro. Der Kaffee auf dem Tisch, die Häppchen dekorativ auf einem kleinen Buffet platziert, der Beamer wirft die aktuellen Geschäftszahlen an die Wand. Plötzlich taucht ein anderer Mann auf, in legerem, fast schon heruntergekommenem Look, mit derbem Humor, der die Sitzung unterbricht und sich Raum verschafft.

Würden wir uns mit diesem Geschäftsmann unterhalten, würde er vielleicht erzählen, dass er sein professionelles Dasein eigentlich sehr genießt. Gleichzeitig würde aber vielleicht deutlich, dass der enge Arbeitsalltag mit den 10-Stunden-Tagen ihm keine Möglichkeit gibt, auch mal ganz ausgelassen zu sein, herumzublödeln, einfach mal in den Tag hinein zu leben und in Schlabberkleidung durch die Gegend zu laufen.
Der Traum zeigt, dass diese Seite irgendwo auch noch in ihm lebt – tot ist sie nicht, aber sie findet bisher nur im Traum eine Ausdrucksmöglichkeit. Es ist sehr wahrscheinlich, dass seine depressiven Stimmungen nachlassen und vielleicht sogar verschwinden würden, wenn er es schaffen könnte, diesem „Schlabber-Mann“ einen Platz in seinem Leben einzuräumen und nicht seine Energie dafür aufwenden müsste, diesen Anteil im Verborgenen zu halten.

Elias Canetti soll einmal gesagt haben: „Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.“

Vielleicht ist dieser Traum also auch als Hilfeschrei zu deuten?

In der jungianischen Psychologie spricht man in diesem Fall von einer kompensatorischen bzw. homöostatischen Funktion des Traums, denn er schafft einen Ausgleich zwischen bewussten und unbewussten Anteilen der Psyche.

Ich finde, dieser Traum lädt dazu ein, auch mal eine andere Seite an sich kennenzulernen und auszuprobieren. Das kann sehr bereichernd sein. Und es bedeutet ja nicht, künftig nur noch das Schlabberleben leben zu sollen. Aber scheinbar meldete sich dieser Anteil, um auf eine andere Seite des Lebens und der eigenen Persönlichkeit aufmerksam zu machen, die bisher nur ein Schattendasein führen durfte.

„Die Manschaft“ als Sinnbild einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur

 

Diesen Beitrag habe ich für einen kleineren Leserkreis hier schon kurz nach dem WM-Aus veröffentlicht; aber nachdem Herr Löw heute nochmals Stellung bezogen hat und die Sache wieder an Aktualität gewonnen hat, habe ich mich dazu entschieden, ihn auch hier – unverändert – zu veröffentlichen.
Die Hypothese ist steil, sie steht schon im Titel. „Die Mannschaft“ als Sinnbild einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur.
In einer psychotherapeutischen Arbeit mit einem Patienten würde ich mich langsam mit dieser Hypothese vorarbeiten, neue Informationen auf Verträglichkeit mit der Hypothese prüfen, nach und nach eventuell in kleinen Häppchen mein Gegenüber damit konfrontieren. All das ist in diesem Fall natürlich nicht möglich und so kann ich nur die Eindrücke der letzten Spiele sammeln, nachspüren, was ich bei mir selbst erspürt habe („Gegenübertragung“ nennen wir das) und den Versuch wagen, ein Modell daraus zu formen.

Die deutsche Mannschaft hat den mythischen „Fluch des Weltmeisters“ weitergetragen – Ende in der Vorrunde. Wie konnte das passieren? Gemutmaßt wird viel; schnell sind Schuldige gefunden. Hätte xy nicht gespielt, dann… Ist es so einfach?

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