Ritzen

Wenn der innere Kampf nach außen dringt

In meiner psychotherapeutischen Arbeit spreche ich häufig mit (hauptsächlich) jungen Menschen, die sich ritzen oder früher geritzt haben. Meist erzählen sie mir, dass sie im Umfeld auf großes Unverständnis stoßen. Häufig hören sie Aussagen wie „Lass es doch einfach sein!“ oder „wie kannst du sowas nur machen??“ und fühlen sich unverstanden. Leider höre ich auch immer wieder von Fällen, in denen die Betroffenen selbst bei Psychotherapeuten auf Unverständnis getroffen zu sein scheinen.
In diesem Artikel möchte ich einen kleinen Einblick in dieses Thema geben, mit dem sich eigentlich ganze Bücher füllen lassen.

Ritzen – was ist das überhaupt?

Beim Ritzen schneidet sich die betroffene Person mit einem spitzen/scharfen Gegenstand, oft eine Schere oder Rasierklinge, in die Haut. Häufig wird dazu die Innenseite des Unterarms benutzt, aber auch der Oberschenkel oder andere Stellen sind möglich. Bei den Wunden handelt es sich um Einschnitte unterschiedlicher Tiefe und Länge, die von leichten Kratzern bis hin zu relativ tiefen Schnitten reichen können.

Warum ritzen sich Menschen?

Die Gründe fürs Ritzen sind meiner Erfahrung nach mindestens so verschieden wie die Menschen selbst. In meinen Gesprächen versuche ich, mit der betroffenen Person eine möglichst individuelle Antwort auf diese Frage zu finden.

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Gänseblümchen des Monats

Vorträge, Verbandsarbeit und Kanonen…

Gänseblümchen

 

… nachdem schon wieder einige Zeit seit dem letzten Gänseblümchen vergangen ist, heute mal eine Monats-Zusammenfassung.

 

  • Ich habe mit einem guten Freund und Kollegen (Erziehungswissenschaftler) einen Vortrag zum Thema „Computerspiele aus psychotherapeutischer und pädagogischer Sicht“ konzipiert, den wir kommende Woche an der ersten Schule halten werden. Ziel ist es, es Eltern, Lehrern und anderen Interessierten zu ermöglichen, sich differenziert über das Thema „Computerspiele“ zu informieren.
    Die Entwicklung des Vortrags hat mir große Freude bereitet und noch mehr freue ich mich darauf, ihn nun vielen Menschen zugänglich machen zu können. [Für die Tübinger Leser: Auch in Tübingen wird es im nächsten Jahr Vorträge geben; da stehen die genauen Daten allerdings noch nicht fest.]

  • Auch sind Vortragsanfragen zum Thema „Träume“ eingegangen, auf die ich mich schon sehr freue. Nächster Vortrag in Tübingen am 10.12., 15 Uhr, Begegnungsstätte Hirsch. Ab dem 11.12. wird es bei genügend Interesse eine Träume-Gesprächsgruppe geben.

     

  • Im letzten Beitrag hatte ich erwähnt, dass ich aufgrund verschiedener Verbandsaktivitäten zeitlich eingeschränkt bin. Vor Kurzem hatte ich als Teilprojektleiterin die Möglichkeit, auf der jährlich stattfindenden Lehrendenkonferenz der Deutschen Gesellschaft für Transaktionsanalyse erste große Ergebnisse unseres Theorie-Entwicklungsprojekts zu präsentieren. Unter Anderem haben wir zu fünft sämtliche Artikel der deutschsprachigen Zeitschrift für Transaktionsanalyse (fast 600 Artikel!) verschlagwortet und auf Theorie-Entwicklung hin untersucht. Wir konnten große Schätze heben und ich bin sehr stolz auf dieses Projekt, das langfristig auch der Öffentlichkeitsarbeit dienen soll. Die Transaktionsanalyse hat wunderbare Konzepte und Methoden!

     

  • Kleines Erlebnis aus dem Urlaub (der schon an sich ein Gänseblümchen Wert wäre): Auf dem Gelände des Hotels, in dem ich wohnte, befanden sich noch Original-Kanonen aus dem 19. Jahrhundert. Ein etwa Dreijähriger lief mit seiner Mutter an einer dieser Kanonen vorbei und hielt sich die Ohren zu: „Mama, ich hab Angst, dass die losgeht!“. Die Mutter ganz cool: „Die ist kaputt“.
    Mir hat daran gut gefallen, dass sie sich ganz auf die Erlebniswirklichkeit des Kleinen eingelassen hat und eine seinem Verständnishorizont angepasste beruhigende Erklärung abgegeben hat. Ich habe im ehrenamtlichen Kontext mit Menschen mit Demenz zu tun. Natürlich kann man Dreijährige aus verschiedensten Gründen nicht mit Dementen vergleichen, aber hier sehe ich eine Gemeinsamkeit: Wenn mir eine demente Dame begegnet, die in Sorge ist, ob sie ihren Zug nach Hause noch erreichen kann, begleite ich sie freundlich ein Stück und sage, dass der Zug heute Verspätung hat und wir sogar noch einen Kaffee trinken können. Das entspricht natürlich nicht der Wahrheit, aber es holt sie in ihrer Lebenswirklichkeit und ihrem Verständnishorizont ab. Es würde sie zutiefst verunsichern, wenn ich ihr erklären würde, dass sie im Heim lebt und dass es da gar keinen Zug gibt.

    Wir alle haben kindliche Anteile in uns, die zu jung für rationale Erklärungen sind und denen wir über fürsorgliche Intuition, über Geschichten, Bilder und Phantasie Gutes tun können. Vielleicht kann die kaputte Kanone uns ja immer wieder daran erinnern, auch diesen Anteilen Beachtung zu schenken. In unserer rationalen Welt nicht immer ganz so leicht, aber sehr lohnenswert…

 

Die Idee der Gänseblümchen der Woche habe ich von Annie von Hoffnungsschein, die hier ein wenig darüber schreibt.

Da ich ja hier in erster Linie als Professionelle blogge, werde ich mich auch hauptsächlich auf psychotherapeutische Inhalte konzentrieren. Wenn ich von einer Gegebenheit aus der Praxis berichte, kann es aus Datenschutzgründen sein, dass sie nicht aus dieser Woche ist. Vielleicht war die junge Dame auch eine ältere Dame oder die Hauptschülerin ein Student – aber am Kern ist schon was dran… 🙂

[Link] Plädoyer im Ärzteblatt für breitere Psychotherapie-Forschung

[Aufgrund verschiedener Verbands-Aktivitäten, bei denen ich maßgeblich involviert bin, müssen die versprochenen Artikel leider noch ein bisschen warten. Damit es aber nicht langweilig wird, hier ein sehr lesenswerter Artikel von einem renommierten Psychologie-Professor]

„Wir brauchen eine Vielfalt an evidenzbasierter Psychotherapie“

In der Oktober-Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts plädiert Professor Falk Leichsenring für eine breitere Psychotherapie-Forschung. Er weist darauf hin, dass mit den drei von der Krankenkasse finanzierten Psychotherapieverfahren und medikamentösen Methoden vielen Patienten nicht geholfen werden kann und diskutiert die Problematik und die Gründe, dass sich beinahe die gesamte Psychotherapie-Forschung um Kurzzeittherapien mit bis zu 16 Stunden Länge (also eine Variante der Verhaltenstherapie) dreht.

Mir selbst ist aus dem Studium und Hospitationszeiten in psychotherapeutischen Einrichtungen die Verhaltenstherapie relativ vertraut. Ihre Stärke liegt ganz klar in den Skills, die sie den Patienten vermittelt und kann damit für viele Menschen eine Verbesserung ihrer Symptomatik erzielen. Die analytische Psychotherapie (neben der Psychoanalyse, dem dritten Richtlinienverfahren) ist mir natürlich aus meiner Ausbildung am C.G. Jung-Institut vertraut und hat ihre große Stärke unter Anderem in den Theorien zu Archetypen, Traumdeutung und im therapeutischen Sandspiel. Die analytische Therapie ist zwar ebenfalls als Verfahren anerkannt und wird von den Kassen übernommen, wird aber dramatisch weniger erforscht.

Andere Verfahren, beispielsweise die humanistische Psychotherapie, unter der sich Methoden wie Transaktionsanalyse, Körperpsychotherapie, Gestaltpsychotherapie oder Psychodrama vereinigen, haben in der universitären Forschung beinahe keine Chance; dabei bieten sie ebenfalls wunderbare Methoden, die für viele Menschen hilfreich sein könnten. Gerade für die, die mit den drei Richtlinienverfahren keine Erfolge erzielen konnten.
Leichsenring spricht diese anderen Verfahren in seinem Artikel nicht an, aber gerade hier wünsche ich mir eine weitere Öffnung.

Dennoch sehe ich diesen Artikel als einen wichtigen Wegweiser und freue mich, dass er im Ärzteblatt platziert wurde. In unserem Gesundheits- und Forschungssystem muss sich an dieser Stelle – zum Wohle der Hilfesuchenden! – grundlegend etwas ändern.

Nachtrag: An dieser Stelle gibt es sogar eine Bundestags-Petition mit dem Ziel, (zumindest) alle drei Richtlinienverfahren wieder in die universitäre Lehre und die Universitätsambulanzen einzubringen. Bisher sind 59 von 60 Lehrstühlen von Verhaltenstherapeuten besetzt – ein m.E. unhaltbarer Zustand. Ich freue mich, dass es jetzt sogar diese Bundestagspetition dazu gibt und ermutige sehr zur Unterzeichnung!

[Link] Sendung mit der Maus – die unsichtbare Krankheit

Noch ein kleiner Linktipp zwischendurch, bevor die „großen“ Beiträge kommen:

Momentan gibt es hier in der ARD-Mediathek eine Sendung mit der Maus zum Thema „psychische Erkankungen“. Nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene schön anzusehen. Auf eine ganz grundsätzliche und liebevolle Art wird vermittelt, dass seelische Schmerzen und Verletzungen genauso wie körperliche einer Behandlung bedürfen. Einige Kinder erzählen von ihren Erfahrungen in einer stationären Einrichtung, zudem wird ein Interview mit der dortigen Leiterin gezeigt, die Einblicke in den Alltag der Station gibt.

Auch für Erwachsene bieten sich interessante (kleine) Einblicke in die Arbeit einer solchen Einrichtung. Die Aufmachung, insbesondere mit den Comic-Kindern, die ihre (echten) Erfahrungen dort schildern und von Freud und Leid erzählen, fand ich sehr berührend. Klasse sind natürlich auch Sammy, Fanta und Tiptop, die in der Sendung vorgestellt werden. Wer oder was das wohl ist? 🙂

 

Bildnachweis: Pixabay

Ausblick

Liebe Leser,

Urlaubsbedingt kam es nun zu einer etwas längeren Pause; für die nächsten Tage und Wochen sind allerdings schon wieder einige Beiträge in den Startlöchern. Hier eine kleine Vorschau auf das, was für die nächste Zeit geplant ist:

  • Buchbesprechung: „Narzissmus – das innere Gefängnis“ von Heinz-Peter Röhr
  • Ein Beitrag zum Thema „Borderline“ und Fehldiagnosen
  • Ein Beitrag zum Thema „Spiegelung“ (im Rückgriff auf den Beitrag „Susi ohne Mama – Generation Handy“)
  • Gänseblümchen der Woche – Urlaubsversion (zum Gänseblümchen-Konzept hier)
  • Ein Beitrag zum Thema „Komplextheorie von C.G. Jung“
  • … und noch manches mehr – es soll ja auch noch ein bisschen spannend bleiben. 😉

 

Worauf seid ihr/sind Sie am meisten gespannt?

 

Bildnachweis: Pixabay

Auszug aus der Knechtschaft – Sabbat für die Seele

Noch steht Weihnachten nicht vor der Tür, aber dennoch habe ich das Gefühl, dass die Zeit schon wieder rennt – sobald der September beginnt, geht es los. Die geschäftlichen Termine stapeln sich, Projekte wollen noch vor Weihnachten beendet werden, … so Vieles muss unter einen Hut gebracht werden!

Schnell ist man dann im Hamsterrad. Manchmal auch mit großer Lust, denn oft bereiten die Termine und Aufgaben neben dem Stress auch Freude. Ehe man’s sich versieht, sind sieben Tage der Woche randvoll gepackt mit allerlei Aktivitäten. Die Freizeit am Abend oder am Wochenende wird dann noch ein bisschen mit Arbeit angereichert, schließlich macht der Fortschritt in den Projekten ja auch Spaß oder eine Deadline rückt einfach näher und die paar Stündchen sind ja dann schon noch drin, oder?

Leider eine Denkfalle, vor der ich nicht nur meine Klienten, sondern auch mich selbst immer wieder bewahren muss. Ein Schlüsselerlebnis war es für mich, als ich zum ersten Mal einen „echten“ jüdischen Sabbat erlebt und mitgefeiert habe.

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Gänseblümchen der Woche I – Handpuppen und innere Kinder

Die Idee der Gänseblümchen der Woche habe ich von Annie von Hoffnungsschein, die hier ein wenig darüber schreibt. Die Idee ist mir als psychotherapeutisch arbeitende Person natürlich bekannt, allerdings nicht unter diesem Namen.

Da ich ja hier in erster Linie als Professionelle blogge, werde ich mich auch hauptsächlich auf psychotherapeutische Inhalte konzentrieren. Wenn ich von einer Gegebenheit aus der Praxis berichte, kann es aus Datenschutzgründen sein, dass sie nicht aus dieser Woche ist. Vielleicht war die junge Dame auch eine ältere Dame oder die Hauptschülerin ein Student – aber am Kern ist schon was dran… 🙂

Hier also das Gänseblümchen:

Vor ein paar Tagen war ich mit einer Freundin und Kollegin (Anfang 50) zum durch-die-Stadt-Schlendern verabredet. Bei strahlendem Sonnenschein; wir hatten uns schon leckeren Kuchen einverleibt; zogen wir los und blieben ziemlich bald an einer großen Kiste mit Handpuppen hängen, die vor einem gewissen Deko-Laden mit bunten Buchstaben stand…
Schnell waren wir beide mit den Handpuppen beschäftigt; eine weitere Frau (vielleicht Anfang 40) kam hinzu, uns beiden unbekannt. Die Hände in den Puppen verschwunden, erfanden wir zu dritt schnell die abenteuerlichsten Geschichten von Fröschen, die auf Flamingos reiten; Igeln mit weichen Stacheln, die gestreichelt werden wollen; Känguruhs auf Urlaub und noch vieles mehr.
So begegneten sich ganz plötzlich in drei erwachsenen Frauen, die sich ja nur teilweise kannten, die spielenden inneren Kinder, die ganz unkompliziert und ohne Scheu miteinander Spaß hatten… Es könnte öfter so einfach sein!

 

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