Hänschen Klein – von ungesunden Bindungen und nötigen Ablösungen

Wer kennt es nicht – das berühmte Lied „Hänschen Klein“? Seit Generationen gehört es zu einem der Klassiker der deutschen Kinderlieder. Der Text ist wohlvertraut:


Hänschen klein, ging allein
In die weite Welt hinein,
Stock und Hut stehn ihm gut,
Ist gar wohlgemut.
Aber Mutter weinet sehr,
Hat ja nun kein Hänschen mehr.
Da besinnt sich das Kind,
kehrt nach Haus geschwind.

Aber was sagt dieser Text eigentlich aus? (Vorwegnahme: das ist nicht das Original; das kommt später…)

Psychologisch etwas ziemlich Fatales. Doch beginnen wir am Anfang: Wir haben Hänschen, das in die weite Welt geht. Es ist ausgerüstet mit dem, was es braucht und ist zuversichtlich, seine Reise anpacken zu können. „In die Welt ziehen“ gehört zum Erwachsenwerden, nur durch Ablösung von der Mutter bzw. den primären Bezugspersonen können wir psychisch reifen.


Mutter weint im Lied sehr. Das darf ja auch sein, natürlich ist eine Ablösung ein schmerzhafter Prozess – im Jugendalter für die Eltern oft mehr als für den Jugendlichen. Mutter weint im Lied allerdings, weil sie nun „kein Hänschen mehr“ hat. Offenbar scheint Mutter Hänschen haben zu müssen. Ein Vater wird nicht erwähnt. Ist Mutter alleine und braucht Hänschen deswegen? Hier lässt sich natürlich nur spekulieren, aber auch in meiner Praxis tauchen immer wieder solche „Hänschen“ auf. Menschen, denen es nicht oder nur mit großer Mühe gelang, sich aus den elterlichen Beziehungen zu lösen. Söhne haben dabei häufiger die Rolle des verstorbenen oder weggezogenen Vaters übernommen oder das Kind wird auf eine andere Weise von der Bezugsperson „gebraucht“. Meistens geschieht das für beide Seiten unbewusst – so sorgt das Kind unter Umständen für die psychische Stabiliät eines Elternteils oder muss für die von der Elternperson ersehnte emotionale Nähe aufkommen.

Zurück zu Hänschen und seiner Mutter. Hänschen scheint ja schon gegangen zu sein, „besinnt“ sich aber ob der weinenden Mutter und kehrt schnell nach Hause zurück. Hänschen ist offenbar so symbiotisch mit seiner Mutter verstrickt, dass er intuitiv erahnt, wie schlecht es ihr durch die Trennung geht. Hart gesprochen könnte man auch sagen, die Mutter erpresst ihren Sohn mit ihren Tränen.
Allerdings traut auch Hänschen seiner Mutter nicht zu, diese Trennung auszuhalten und kehrt also nach Hause zurück.

Eigentlich kein gutes Vorbild fürs Erwachsenwerden, denn hier ist die Ablösung nicht gelungen, Hänschen wird nicht zum Hans.

Zum Glück ist das auch nicht die Originalversion des Liedes / Gedichtes. Diese ist nämlich länger und sieht so aus:

Hänschen klein, geht allein
In die weite Welt hinein,
Stock und Hut steht ihm gut,
Ist auch wohlgemuth.
Aber Mutter weinet sehr,
Hat ja nun kein Hänschen mehr.
Wünsch dir Glück, sagt ihr Blick,
Komm nur bald zurück!

Viele Jahr, trüb und klar,
Hänschen in der Fremde war.
Da besinnt sich das Kind,
Ziehet heim geschwind.
Doch, nun ist’s kein Hänschen mehr,
Nein, ein großer Hans ist er;
Schwarz gebrannt Stirn und Hand.
Wird er wol erkannt?

Eins, Zwei, Drei gehn vorbei,
Wissen nicht, wer das wol sei.
Schwester spricht: Welch’ Gesicht!
Kennt den Bruder nicht.
Kommt daher die Mutter sein,
Schaut ihm kaum ins Aug hinein,
Ruft sie schon: Hans! Mein Sohn!
Grüß dich Gott, mein Sohn! [1]

… das sieht doch schon ganz anders aus!
Hier haben wir es mit einer „gesunden“ Mutter zu tun, die Hänschen nicht zur Befriedigung irgendwelcher (narzisstischer) Bedürfnisse benötigt. Mutter weint immer noch und das darf sie auch. Allerdings wünscht sie ihrem Sohn Glück und lässt ihn ziehen.
Viele Jahre gehen ins Land, wie es weiter heißt und aus Hänschen ist ein „großer Hans“ geworden. Hänschen konnte den Schritt in die Autonomie und in das Erwachsenwerden wagen und erfolgreich meistern, da er mit guten Wünschen und dem Zutrauen der Mutter, seinen Weg gehen zu können, loszog.
Zum Schluss kommt Hans nach Hause und wird von seiner Mutter sofort erkannt. Die Beziehung der Beiden hat durch Hans‘ Weggehen also keinen Schaden erlitten. Gut gefällt mir auch, dass sie ihn in der ersten Strophe mit ihrem Blick verabschiedet und ihn in der letzten Strophe mit ihrem Blick in seine Augen wieder erkennt. Der Blick verabschiedet und heißt dann auch wieder Willkommen, wenn die Zeit reif dafür ist.

Den vielen kleinen und großen Hänschen dieser Welt wünsche ich Mütter, die sie mit vertrauensvollem Blick losziehen lassen können. Und wenn sie diese Chance nicht haben, dass sie andere Menschen finden können, die ihnen diesen Blick zuwerfen.
Und den Müttern wünsche ich, dass sie ihren Schmerz aushalten und mit der Vorfreude leben, dass ein erwachsener Hans zurückkehrt. Und dass auch sie sich Hilfe suchen können, wenn es allein zu schwierig ist…

[1] Frenz Wiedemann: Samenkörner für Kinderherzen: als Grundlage für den ersten Religionsunterricht, nach den zehn Geboten und den christlichen Festtagen geordnet, nebst einem Anhange kleiner Lieder nach bekannten leichten Melodien, für Kinder von 6 bis 8 Jahren. 10. Auflage. Dietze, Dresden 1877, S. 137
(Kopiert von Wikipedia, hier)

Bildnachweis: Pixabay (CC0-Lizenz)

3 Gedanken zu “Hänschen Klein – von ungesunden Bindungen und nötigen Ablösungen

      1. Da bin ich sehr gespannt! 🙂 Ich kann auch in dem Bereich das Buch „Psychologie der Märchen“ von Dieter Frey sehr empfehlen. Nicht nur von meinem ehemaligen Dozenten veröffentlicht, sondern auch inhaltlich sehr interessant. 😉

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