Ritzen

Wenn der innere Kampf nach außen dringt

In meiner psychotherapeutischen Arbeit spreche ich häufig mit (hauptsächlich) jungen Menschen, die sich ritzen oder früher geritzt haben. Meist erzählen sie mir, dass sie im Umfeld auf großes Unverständnis stoßen. Häufig hören sie Aussagen wie „Lass es doch einfach sein!“ oder „wie kannst du sowas nur machen??“ und fühlen sich unverstanden. Leider höre ich auch immer wieder von Fällen, in denen die Betroffenen selbst bei Psychotherapeuten auf Unverständnis getroffen zu sein scheinen.
In diesem Artikel möchte ich einen kleinen Einblick in dieses Thema geben, mit dem sich eigentlich ganze Bücher füllen lassen.

Ritzen – was ist das überhaupt?

Beim Ritzen schneidet sich die betroffene Person mit einem spitzen/scharfen Gegenstand, oft eine Schere oder Rasierklinge, in die Haut. Häufig wird dazu die Innenseite des Unterarms benutzt, aber auch der Oberschenkel oder andere Stellen sind möglich. Bei den Wunden handelt es sich um Einschnitte unterschiedlicher Tiefe und Länge, die von leichten Kratzern bis hin zu relativ tiefen Schnitten reichen können.

Warum ritzen sich Menschen?

Die Gründe fürs Ritzen sind meiner Erfahrung nach mindestens so verschieden wie die Menschen selbst. In meinen Gesprächen versuche ich, mit der betroffenen Person eine möglichst individuelle Antwort auf diese Frage zu finden.


Sehr viele, insbesondere Borderline-Patienten, berichten von einer Spannungsreduktion durch das Ritzen. Zuvor habe sich ein innerer, emotionaler Druck aufgebaut, der nun irgendwie entladen werden müsse. Beim Ritzen selbst spüren viele Menschen kaum oder gar keine Schmerzen. Für Patienten mit Borderline-Diagnose wurden die diesbezüglichen neurobiologischen Mechanismen untersucht. Kurz zusammengefasst: Der innere Druck lässt sich mit einer übermäßigen Aktivität in bestimmten Gehirnbereichen (u.a. der Amygdala), die für die Emotionsverarbeitung zuständig sind, neurologisch zeigen. Werden Schmerzreize (in den Studien mit Hitze über bestimmte Applikatoren) zugefügt, springt hier ein Mechanismus an, der die Aktivität in den zuvor übermäßig aktiven Hirnbereichen reduziert und auch eine Reduktion der gefühlten Schmerzintensität bewirkt.[1] [2] Dieser Regelkreislauf funktioniert so bei Menschen ohne Borderline-Diagnose nicht.

… überhaupt wieder etwas spüren

Depressive Patienten berichten manchmal, sich zu ritzen, um überhaupt wieder irgendetwas zu spüren. Die innere Leere sei so groß und das Ritzen mit den verbundenen Schmerzen zeige ihnen zumindest, dass sie noch am Leben sind.

Andere berichten, das Ritzen sei ihre Art, ihre innere Geschichte mit inneren Verletzungen nach Außen zu bringen und für sich selbst sichtbar zu machen. Manche zeigen ihre Narben offen, sehen sie als eine Art Tätowierung durch das Leben, andere schämen sich und verstecken die Narben. Meist, um nicht das Unverständnis der Mitmenschen erleben zu müssen.

Und ja, es gibt natürlich auch Menschen, die die Narben im Sinne eines Hilfeschreis zeigen.
Grundsätzlich spielen ja ohnehin immer mehrere Dinge eine Rolle, ich zeige hier nur exemplarisch „Kategorien“ auf, die so isoliert in der Realität natürlich nicht vorkommen..

Was tun?

Die Auffassung, wie dem Ritzen zu begegnen ist, ist in therapeutischen Kreisen recht unterschiedlich. In der Verhaltenstherapie sucht man Alternativen, die eine ähnliche Wirkung haben, aber keine Narben hinterlassen. Hier kommen Wäscheklammern, Gummibänder (die man gegen den Haut schnippen lässt), Eiswürfel und Ähnliches zum Einsatz. In meinem Verständnis oft nur mit mäßigem Erfolg.
Meiner Auffassung nach geht es darum, den individuellen Grund fürs Ritzen zu verstehen. Vielleicht kann die innere Geschichte ja auch in einem Skizzenbuch zum Ausdruck gebracht werden, gerne mit roter Farbe, mit Zerschneiden, Zerknüllen und allem, was dazu gehört. Vielleicht muss es ja nicht die eigene Haut sein.

Meiner Auffassung nach geht es darum, den individuellen Grund fürs Ritzen zu verstehen.


Wenn die Spannungsreduktion im Vordergrund steht, geht es in erster Linie darum, Techniken zu erlernen, sich anderweitig herunter zu regulieren. Gerade bei Borderline-Patienten, die Gefühle (auch neurologisch bedingt) viel intensiver wahrnehmen, ist das Erlernen dieser sogenannten „Skills“, wie sie beispielsweise in der Dialektisch-behavioralen Therapie vermittelt werden, von großer Wichtigkeit.
Ist die innere Leere der ausschlaggebende Grund fürs Ritzen, muss entsprechend dort angesetzt werden.

Ganz grundlegend geht es natürlich auch um Themen wie Selbstwert und Selbstfürsorge.

Auch wenn ich hier natürlich nur ausschnittweise Einblicke geben kann, wird wohl deutlich, dass es nicht die „Lösung“ gibt und dass Ritzen nicht von heute auf morgen beendet sein kann.

Ich spreche mit meinen Patienten natürlich über das Thema und wünsche mir, dass das Ritzen möglichst bald nicht mehr nötig ist, aber niemals würde ich versuchen, jemanden zum Aufhören zu drängen.

Gesellschaftlich wünsche ich mir, dass das Ritzen differenzierter betrachtet wird und dass statt eines „Ey, lass es doch einfach!“ ein behutsamer Ratschlag steht, eine professionelle Person ins Vertrauen zu nehmen.

[1] Schmahl et al. (2006), hier nachzulesen
[2] Niedtfeld et al. (2010), hier nachzulesen

Bildnachweis: Pixabay

Autor: Jeca (Psychologik)

Willkommen auf meinem Psychologik-Blog: http://psychologik.blog Ich bin Psychologin in Tübingen und arbeite dort in eigener Praxis.

2 Kommentare zu „Ritzen“

  1. Dem individuellen Grund für`s Ritzen kann man eigentlich nur durch ein gewisses Maß von Empathie begegnen.
    Und ganz generell geht es beim Ritzen m.E. darum, inneren Stress (vgl. Stressachse) damit zu `bekämpfen´, der sich auf Grund schwerwiegender emotionaler Verletzungen in der Vergangenheit manifestiert hat. Dabei könne auch `Schuldgefühle´ mitspielen d.h. ich füge mir oder meinem Aggressor den Schmerz zu, den ich verdient habe.
    Schwer zu erklären, wie ich das meine.
    Schönen Tag noch!
    Jürgen aus Loy (PJP)

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    1. Danke für den Beitrag! In der Tat, Schuldgefühle können ebenfalls eine Rolle spielen. In dem Fall würde es dann um eine vermeintlich nötige Selbstbestrafung gehen.
      Wie ist das gemeint mit „d.h. ich füge mir oder meinem Aggressor den Schmerz zu, den ich verdient habe“? Dem Aggressor in dem Sinne, dass ich ihn in gewisser Weile internalisiert / introjiziert / … habe?

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