Auszug aus der Knechtschaft – Sabbat für die Seele

Noch steht Weihnachten nicht vor der Tür, aber dennoch habe ich das Gefühl, dass die Zeit schon wieder rennt – sobald der September beginnt, geht es los. Die geschäftlichen Termine stapeln sich, Projekte wollen noch vor Weihnachten beendet werden, … so Vieles muss unter einen Hut gebracht werden!

Schnell ist man dann im Hamsterrad. Manchmal auch mit großer Lust, denn oft bereiten die Termine und Aufgaben neben dem Stress auch Freude. Ehe man’s sich versieht, sind sieben Tage der Woche randvoll gepackt mit allerlei Aktivitäten. Die Freizeit am Abend oder am Wochenende wird dann noch ein bisschen mit Arbeit angereichert, schließlich macht der Fortschritt in den Projekten ja auch Spaß oder eine Deadline rückt einfach näher und die paar Stündchen sind ja dann schon noch drin, oder?

Leider eine Denkfalle, vor der ich nicht nur meine Klienten, sondern auch mich selbst immer wieder bewahren muss. Ein Schlüsselerlebnis war es für mich, als ich zum ersten Mal einen „echten“ jüdischen Sabbat erlebt und mitgefeiert habe.

In der Tora (den fünf Büchern Mose) wird an zwei Stellen zur Einhaltung des Sabbats aufgerufen, in 2. Mose 20 mit der uns eher bekannten Begründung der Schöpfungsgeschichte (Gott ruhte am 7. Tag); in 5. Mose 5 hingegen wird als Begründung die Befreiung aus der Knechtschaft in Mizrajim (Ägypten) angeführt. Ägypten, Knechtschaft – das klingt alles sehr weit weg.

Und gleichzeitig ist es uns so nah, wenn wir uns das auf psychologischer Ebene anschauen: Wo werden wir in unserem Alltag geknechtet? Wo knechten wir uns selbst mit immer größerem Ehrgeiz und Perfektionismus, mit immer neuen Projekten und Aktivitäten? Wo sind wir selbst Pharao, der uneinsichtig bleibt und die Messlatte immer noch ein Stückchen höher legt?
Da ist die Knechtschaft plötzlich ganz nah. Wo ist für uns der Auszug aus Ägypten angebracht? Und wo brauchen wir vielleicht Hilfe (auf freundschaftlicher, psychologischer oder spiritueller Ebene) dabei?

Ein Anfang zum Auszug aus der Knechtschaft (oder zumindest eine Verschnaufpause in der Knechtschaft) kann ein Ruhetag sein. Das Mitfeiern des jüdischen Sabbats hat mich dabei tief berührt. Ich schildere hier ein wenig davon, um zu verdeutlichen, dass es um viel mehr als nur ein Nicht-Tun von Dingen geht, sondern um tiefe Spiritualität und wohltuende Symbolik:

Am Freitag Mittag beginnen die Vorbereitungen: Es wird Essen vorgekocht, die Wohnung wird festlich geschmückt, man selbst pflegt sich nochmal und zieht besondere Kleidung an und vieles mehr. Schon hier wird deutlich: Eine besondere Zeit steht an und diese bedarf der körperlichen und geistigen Vorbereitung – man stellt sich darauf ein, dass etwas Wertvolles geschehen wird. Am Abend werden von der Frau des Hauses die Sabbatkerzen angezündet und ein Segensspruch gesprochen, man besucht die Synagoge und begrüßt dort die „Königin Schabbat“, anschließend wird zu Hause weiter gefeiert. Die Kinder werden gesegnet, über einen Becher Wein wird ein Segen ausgesprochen, es gibt festliches Essen und vieles mehr. Am Samstag Morgen steht ein weiterer Synagogenbesuch an, mittags ist Raum für geselliges Beisammensein, Gespräche oder Rückzug. Am Abend wird in einer feierlichen Zeremonie die Königin „Schabbat“ wieder verabschiedet, ein Becher Wein wird gefüllt, die sogenannte Hawdala-Kerze wird im übergeflossenen Wein gelöscht und es werden wohlriechende Kräuter gereicht, um mit dem Duft etwas vom Sabbat mit in die neue Woche zu nehmen.

In unserer westlichen Tradition ist meist nur bekannt, wie viele vermeintliche Verbote es gibt, wie kompliziert es sich die Juden doch machen usw. Ich habe diesen Sabbat als enorm wohltuend erlebt. Keiner hat ein Handy in der Hand, niemand sitzt am Computer, kein Fernseher dudelt im Hintergrund. Und plötzlich hat man Zeit. Durch die Struktur und festgelegten Anfang / Ende kommt auch keine Unruhe auf, man könnte doch jetzt noch schnell dies oder jenes erledigen. Es ist völlig klar, dass das jetzt nicht dran ist.

Der christliche Sonntag ist in meinem Gefühl mit viel weniger Bedeutung aufgeladen und durch das Nichtvorhandensein der Rituale eine viel größere Herausforderung. Manche Familie meint, mit der Einführung eines „medienfreien Tags“ seien alle Probleme gelöst und findet sich dann schnell in der Überforderung wieder, was man denn an einem ganzen Tag ohne Medien miteinander tun kann. Rituale können hier helfen.

Mir geht es keinesfalls darum, zur Einhaltung des Sabbats nach jüdischer Tradition aufzurufen. Der Sabbat in dieser Form ist den Juden gegeben.
Das Miterleben dieses Sabbats hat mir jedoch nochmal von Neuem klar gemacht, wie wohltuend ein Auszeit-Tag in der Woche sein kann (zudem erledigen sich Aufgaben ausgeruht besser als aus dem Hamsterrad heraus!) und wie wunderbar es ist, feste Rituale (eine Kerze anzünden, ein besonderes Essen o.Ä.) dafür zu haben. Für mich persönlich gehört dabei auch die spirituelle Ebene dazu.
Auch kann der Tag zur Besinnung dienen: Wo lasse ich mich knechten, wo knechte ich mich selber und was oder wen brauche ich, um aus meinem ganz persönlichen Mizrajim auszuziehen?

 

Bildnachweis: Pixabay

Autor: Jeca (Psychologik)

Willkommen auf meinem Psychologik-Blog: http://psychologik.blog Ich bin Psychologin in Tübingen und arbeite dort in eigener Praxis.

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