Erklärungsmodell vom Müll bis zur Sucht – die Ausblendungstabelle der Transaktionsanalyse

Gestern startete die Aktion „The Ocean Cleanup“ – das Ziel ist es, mit einer gigantischen „Schwimmnudel“ den Plastikmüll aus den Ozeanen zu fischen.

Das Thema „Plastikmüll“ ist ja wahrhaftig nichts Neues, dennoch hat es einen langen Weg zurücklegen müssen, bis es im Bewusstsein der Menschen wirklich angekommen ist. Warum ist das so? Inzwischen scheint es unvorstellbar, dass die Tatsache, dass Müllteppiche von der 3-fachen Größe Frankreichs (!) im Ozean treiben, jahrelang keine Beachtung fand.

Wie können wir das psychologisch verstehen?

Eine Hilfestellung könnte uns die Ausblendungstabelle aus der Transaktionsanalyse leisten. Entwickelt vom Ehepaar Schiff (1971) und ergänzt von Leonhard Schlegel bietet sie für verschiedenste Situationen, von der Alkoholabhängigkeit bis hin zu unserem Müllproblem, einen interessanten Ansatz. Unter psychoanalytischen Gesichtspunkten kann man sie auch als eine Aufdröselung des Abwehr-Phänomens betrachten – also auch für den psychotherapeutischen Kontext ein wunderbares Modell.

 

Die Grundidee ist, dass eine problematische Situation auf verschiedenen Ebenen ausgeblendet bzw. abgewehrt werden kann. Um also eine Abwehr aufzuheben, muss der „Knackpunkt“ gefunden werden; gegebenenfalls muss man Schritt für Schritt in einem (therapeutischen) Prozess die Stufen der Tabelle hinabsteigen, bis die Abwehr aufgehoben und das eigentliche Problem bearbeitet werden kann.

Die Stufen nach Schlegel sind die Folgenden:

1) Ausblendung der Existenz eines Problems

– dies ist die radikalste Form der Ausblendung. Im Bezug auf den Müll wäre dies, die Müllberge im Ozean schlicht und ergreifend nicht wahrzunehmen.

Nicht (hin)sehen. Was ich nicht sehe, gibt es auch nicht. Entwicklungspsychologisch betrachtet sind wir hier in der frühen Phase, in der wir glauben, dass wir nicht gesehen werden können, wenn wir uns die Augen zuhalten. Psychoanalytisch betrachtet könnte man hier den Mechanismus der Leugnung ansetzen – ein früher, unreifer Abwehrmechanismus, der die Inhalte aber nicht auf Dauer dem Bewusstsein fern halten kann. In diesem Fall greift dann der (reife) Mechanismus der Verdrängung.

2) Ausblendung der Bedeutsamkeit eines Problems

Das Problem als solches wird erkannt, allerdings wird die Bedeutsamkeit nicht wahrgenommen: Es gibt Müllteppiche, die auf den Ozeanen treiben, aber das ist nicht so schlimm. Psychoanalytisch gibt es hier meines Wissens keinen entsprechenden Abwehrmechanismus, der dies genau aufgreift. (Bagatellisierung ist hier ein treffender Begriff, allerdings kein klassischer Abwehrmechanismus!)

3) Ausblendung der Lösbarkeit

Das Problem wird erkannt, auch, dass es sich um ein bedeutsames Problem handelt, aber die Lösbarkeit wird nicht wahrgenommen: Ja, da treiben riesige Müllberge im Meer und das ist ein Problem für die Umwelt und schlussendlich für uns, aber wir können es nicht lösen. Der Müll ist da jetzt und kommt da auch nicht mehr weg.

4) Ausblendung der eigenen Möglichkeiten zur Lösung

Das Problem und die Bedeutsamkeit sind erkannt, auch die generelle Möglichkeit einer Lösung ist im Bewusstsein, allerdings werden in diesem letzten Schritt der Tabelle die eigenen Fähigkeiten ausgeblendet. Ein Projekt wie Ocean Cleanup kann vielleicht etwas ändern, aber ich kann nichts dazu beitragen. Möglichkeiten der eigenen Plastik(Müll-)Einsparung werden nicht wahrgenommen.

Gerade im Bezug auf ein globales Problem finde ich diese Tabelle sehr interessant: Ein Individuum kann sich logischerweise nur auf einer Ebene gleichzeitig befinden und diese Tabelle nur in der vorgegebenen Reihenfolge durchlaufen (man braucht sich um die Ausblendung der Lösbarkeit noch keine Gedanken machen, solange man die Existenz des Problems ausblendet → häufig bei Alkoholismus der Fall). Eine ganze Gesellschaft hingegen kann sich gleichzeitig auf allen Ebenen aufhalten: Umweltschützer haben schon früher auf das Problem aufmerksam gemacht (waren also schon mindestens bei der dritten Ebene angekommen), während die Politik und in der Breite der Bevölkerung noch irgendwo auf der ersten und zweiten Ebene zu verorten war. Vielleicht sind auch manche frühere Lösungsideen versandet, weil quasi die dritte bzw. vierte Ebene vor der ersten und zweiten angegangen wurde.
Das Modell lässt sich auch wunderbar auf therapeutische Kontexte übertragen. Nehmen wir das oben schon erwähnte Beispiel der Alkoholabhängigkeit:

1) „Ich bin nicht alkoholabhängig!“ (Ausblendung der Existenz eines Problems)

2) „Ja und? Ich brauche Alkohol, aber was solls?“  (Ausblendung der Bedeutsamkeit eines Problems)

3) „Ja, ich bin abhängig und schade mir, aber ich kann nichts dran ändern.“

4) „Ja, Andere haben den Weg aus der Sucht geschafft. Ich schaffe das nicht.“

 

Wo blenden wir selbst aus und welche Ebenen der Tabelle haben wir zu bezwingen?

 

Bildnachweis: Pixabay

Autor: Jeca (Psychologik)

Willkommen auf meinem Psychologik-Blog: http://psychologik.blog Ich bin Psychologin in Tübingen und arbeite dort in eigener Praxis.

4 Kommentare zu „Erklärungsmodell vom Müll bis zur Sucht – die Ausblendungstabelle der Transaktionsanalyse“

  1. Hallo, bin neu hier,
    wenn wir `theoretisch´ wissen, was wir wie alles ausblenden, stellt sich doch immer noch die Frage WARUM das so ist. Dazu wäre einen Fortsetzung dieses Themas angebracht, weil wir in Deutschland `Weltmeister des Ausblendens´ sind. Und da muss sich m.E. viel mehr bewegen!!
    Gruß
    Jürgen aus Loy (PJP)

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    1. Hallo Jürgen,

      Danke für den Beitrag und die Anregung einer Fortsetzung! Da muss sich in der Tat auf ganz vielen Ebenen was bewegen.
      Ein paar kurze Gedanken zu den Gründen im Voraus, ich werde eine „richtige“ Fortsetzung auf jeden Fall im Hinterkopf behalten:
      (Ich beziehe mich an dieser Stelle mal auf das Thema „Umwelt“ – war der Wunsch danach oder eher allgemein / psychotherapeutisch?)

      – Bequemlichkeit: Was ich nicht sehe, darum muss ich mich nicht kümmern, denn ein Kümmern könnte ja mit Aufwand verbunden sein.
      – Gefühl der Überforderung / Angst: Wie soll DAS noch zu retten sein? Die Katastrophe bahnt sich an, ich kann nichts tun, also besser gar nicht hinsehen.
      -> damit verbunden das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit / Bedeutungslosigkeit: Was soll MEIN kleiner Beitrag schon verändern können?
      – unter Umständen auch Abwehr von Schuldgefühlen: Ich bin an der Misere mit schuldig, und zwar jeden Tag! Das ist etwas, was man nicht gerne ansieht…

      … soweit mal auf die Schnelle!

      Viele Grüße,
      Jeca

      Gefällt 1 Person

  2. Es geht ja darum, dass wir erkennen müssen, was alles falsch läuft und warum wir das alles ausblenden.
    Und dazu muss es doch Lösungsmöglichkeiten geben, wie wir endlich mal `aufwachen´ und vom Sofa hochkommen, um es mal so zu sagen.
    Letztlich eigentlich auch ein gesellschaftspolitisches Thema, und da muss jeder bei sich selbst anfangen.
    Soweit in aller Kürze meine Gedanken dazu.
    Ist schon ein weites Feld, oder?
    Grüße zurück!
    Jürgen aus Loy (PJP)

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    1. Hallo Jürgen,

      es wäre wirklich wünschenswert, wenn so ein allgemeines „Aufwachen“ einsetzen würde. Allerdings gilt im gesellschaftspolitischen Feld meines Erachtens dasselbe wie im therapeutischen Kontext: Man kann niemanden zum Aufwachen zwingen. Man kann konfrontieren, man kann versuchen, unbewusste Ängste zu nehmen usw., aber aus der Verdrängung „rauszerren“ kann man niemanden. Auch wenn es sich noch so richtig und wichtig anfühlt….
      Und ja, in der Tat ein sehr weites Feld!

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