Susi ohne Mama – Generation „Handy“

Vor einiger Zeit habe ich Susi kennengelernt. Eine reizende junge Dame mit blonden Löckchen und einem strahlenden Lächeln. Etwa anderthalb. Susi steht an der Bushaltestelle. Natürlich nicht alleine, denn in dem Alter kommt man in seinem Kinderwagen allein nicht so gut vorwärts. Susis Mama ist auch da. Irgendwie. Eher körperlich anwesend als geistig, denn das Handy und der Chat mit der Freundin scheinen wichtiger.

So sitzt Susi also in ihrem Kinderwagen und strahlt ihre Mama an. Ihre Augen kleben förmlich an ihr. Und Mamas Augen? Die kleben am Handy.

Langsam verschwindet das Strahlen aus Susis Augen, die Stirn legt sich in Falten und sie beginnt zu quengeln. Mama seufzt genervt und schiebt den Kinderwagen ein wenig vor und zurück, ohne aufzusehen. Susi sieht enttäuscht aus.

Also noch ein bisschen mehr quengeln, irgendwann MUSS Mami ja mal zu mir schauen!

Susis Strategie geht leider nicht auf.

Ich stehe etwas verloren daneben und beobachte die Szene. Soll ich etwas sagen?

„Entschuldigung, merken Sie eigentlich, dass Ihr Kind gerne Kontakt mit Ihnen hätte?“

„Vielleicht sollten Sie Ihrer Kleinen ein Handy geben – dann kann Sie Ihnen ja eine WhatsApp schicken. Vielleicht geht das besser.“

„Ah, wenn Sie das immer so machen, legen Sie schonmal den Grundstein für eine Psychotherapie-Karriere Ihrer Tochter.“

Nein, natürlich diplomatischer… aber wie?!

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits bin ich richtig wütend. Andererseits habe ich das Gefühl, der jungen Mutter ist gar nicht bewusst, was hier grade geschieht und was sie ihrer Tochter langfristig damit antut. Sicher meint sie es nicht böse.

Der Bus kommt.

Endlich! Mama steht auf und schiebt mich! Jetzt geht das Abenteuer los! Busfahren! Yes! Und sie stellt mich sogar so hin, dass ich sie direkt anschauen kann! Jackpot!!

… doch Susis Mama hat Anderes im Sinn. Gedankenverloren kramt sie in ihrer Jackentasche, das Handy in der anderen Hand.

Ohje, der Kasten wieder… und die Schnüre! Nicht die Schnüre!

Susis Mama stopft sich routiniert ihre Kopfhörer in die Ohren und starrt wieder auf ihr Handy. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen – Musik und Ruhe vor der quengelnden Tochter.

Aber da hat sie die Rechnung ohne Susi gemacht!

Susi angelt gekonnt nach den Kabeln und zieht ihrer Mama die Kopfhörer aus den Ohren. „Super, Susi!“, denke ich mir. Ein Strahlen huscht über ihr Gesicht – die Mama sieht auf! Sieht sie direkt an!

… und reißt ihr genervt die Kabel aus der Hand, um sie sich wieder in die Ohren zu stecken.

Der Bus hält – meine Station.

Ob ich Susi irgendwann in meiner Praxis sehe?

 

Bildnachweis: Pixabay

Autor: Jeca (Psychologik)

Willkommen auf meinem Psychologik-Blog: http://psychologik.blog Ich bin Psychologin in Tübingen und arbeite dort in eigener Praxis.

3 Kommentare zu „Susi ohne Mama – Generation „Handy““

  1. Hey,

    so was sehe ich auch häufig und bin dann immer ratlos, was ich tun soll. Neulich war es ein kleiner Junge, der anfing seinen Vater zu hauen (der spielte irgendwas extrem hirntötendes auf seinem Smartphone und beschwerte sich dann, dass das Hauen ja weh tut… ohne zu merken, dass er seinem Kind offenbar zuerst wehgetan hatte.). Ist dir mittlerweile eine weniger übergriffige Art eingefallen, wie man damit umgehen könnte? Mir fällt es immer schwer, nichts zu sagen – vor allem aber, nicht zu schreien 😉

    Aber irgendwie sollte man darauf doch mal Aufmerksamkeit lenken. Und angeblich gibt es ja immer irgendeine Art mit Problemen kontruktiv umzugehen.

    Liebe Grüße
    kolumnalpolitik

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    1. Huhu kolumnalpolitik,

      Danke für deinen Beitrag!
      Ich hab‘ da in der Tat noch drüber nachgedacht. Schön, dass du nachfragst.
      Mir fiel ein Konzept aus der Transaktionsanalyse ein, das an der Stelle vielleicht nützlich sein könnte. Ich greife jetzt nochmal das Bus-Beispiel auf, würde aber genauso gut auf „deinen“ kleinen Jungen übertragbar sein.
      Gleich mal konkret:
      … z.B. an der Bushaltestelle:
      Ich: „Sie haben ja ne süße Tochter. Darf ich fragen, wie alt sie ist?“
      Mutter: „Eineinhalb!“
      Ich: „Oh, ein spannendes Alter… auch nicht immer ganz einfach… Ich hab das zwischen Ihnen und Ihrer Tochter grade so ein bisschen beobachten können und da ist mir eine Sache aufgefallen. Möchten Sie die hören?“
      Mutter: „Eh, ja?“
      Ich: „Okay, auch dann, wenn sie was beinhaltet, was Sie vielleicht nicht so gern hören?“
      … [und dann würde ich eben meinen Eindruck schildern, dass die Kleine sich Aufmerksamkeit wünscht, berichten, wie traurig sie aussieht, wenn ihre Suche nach Blickkontakt nicht erwidert wird und wie sehr sie strahlt, wenn es mal für einen Augenblick gelingt, … und je nachdem, wie die Mutter dann reagiert, eben noch ein bisschen auf so eine Bindungs-Kiste eingehen, also wie wichtig das entwicklungspsychologisch ist usw.]

      Ich habe mir an der Stelle ein Konzept der Transaktionsanalyse zunutze gemacht; das Konzept der Verträge. Dabei geht es nicht um eine schriftlich festgemachte Vereinbarung, sondern -in dem Fall- um das Einholen einer Zustimmung. Ich bin ja in einer schwierigen Position. Ich möchte etwas mitteilen, ohne dass ich darum gebeten werde. Auch noch eine Sache, die das Gegenüber wahrscheinlich gar nicht hören will, schließlich ist es Kritik von einer völlig fremden Person, die meint, mehr Ahnung zu haben, wie man mit dem Kind umgeht als man selbst.
      Dadurch, dass ich quasi doppelt nachfrage (erstmal, ob überhaupt, und dann im zweiten Schritt, ob auch, wenn es um Kritik geht), stülpe ich schonmal nichts über. Es kann natürlich immer noch sein, dass die Mutter/der Vater dann eingeschnappt reagiert, aber es ist etwas schwieriger, schließlich habe ich vorgewarnt, dass ich Kritik äußern werde und sie/er hat zugestimmt, sich die anzuhören.
      Und es kommt natürlich sehr drauf an, ob ich dann gleich die Keule auspacke oder wie im Beispiel oben versuche, erstmal die Situation aus meiner Sicht zu schildern (quasi ein bisschen „vorbauen“, nach Möglichkeit Verständnis aufbauen, … und dann eine Handlungsalternative aufzeigen)

      Einfach wird die Situation dadurch natürlich immer noch nicht und ob das dann auch „genommen“ wird, steht nochmal auf einem völlig anderen Blatt. Aber auf diese Weise handle ich zumindest nicht übergriffig und habe die Chance, den allerersten Widerstand, der sich auf eine Kritik normalerweise aufbaut, zumindest ein bisschen zu umschiffen…

      Klingt das schlüssig? 🙂

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