Sind Computerspiele psychotherapeutisch nutzbar?

Zu diesem Thema werde ich sicher öfter schreiben, da ich in meiner Arbeit mit jungen Erwachsenen sehr häufig genau damit konfrontiert bin (zudem -pssst- spiele ich selbst leidenschaftlich gerne Computerspiele…) und mir die Spiele und mein inhaltliches Wissen dazu häufig auf verschiedenen Ebenen zunutze machen kann.

Ein Paradebeispiel ist meines Erachtens das nicht umsonst hoch ausgezeichnete Rollenspiel „The Witcher 3“. Die Hauptgeschichte handelt davon, dass Geralt, ein Hexer (Monsterjäger), auf der Suche nach seiner Ziehtochter Ciri ist, die besondere Fähigkeiten besitzt und wahrscheinlich untergetaucht ist. Im grafisch und inhaltlich wirklich beeindruckenden Spiel geht es darum, Ciri zu finden, aber das große Königreich bietet natürlich allerlei Monster und Banditen, spannende Nebengeschichten und vieles mehr. Je nachdem, welche Entscheidungen man im Spiel trifft bzw. wie man mit den Spielcharakteren umgeht, verändert sich die Spielwelt und die möglichen Szenarien.

In einer Grafschaft findet Geralt an Bäumen und Häusern Vermisstenplakate von Tochter und Frau des Barons. Beim Besuch des Barons stellt sich heraus, dass dieser alkoholabhängig ist und im Suff seine schwangere Frau die Treppe heruntergestoßen hat, wodurch diese ihr Baby verlor und traumatisiert mit der anderen Tochter floh. Das Baby, das er in gewisser Entfernung zu seinem Anwesen verscharrt hat, hat sich nun in ein Monster verwandelt, das ihn nachts heimsucht.

Im Spiel gibt es die Möglichkeit, dieses Baby endgültig zu töten, oder ein Ritual durchzuführen, um das Baby in einen friedlichen Hausgeist zu verwandeln. Beim Ritual muss der Baron das Kind aufsuchen, es auf den Arm nehmen, es zurück zum Anwesen tragen, es um Verzeihung bitten, ihm einen Namen geben und es unter der Türschwelle begraben.
Durch dieses Ritual verwandelt sich das Monster in einen friedlichen Hausgeist, der hilft, Tochter und Mutter zu finden. (Entsprechende Videos zur Szene finden sich auf Youtube. Da das Spiel erst ab 18 Jahren freigegeben ist, möchte ich hier keinen direkten Link setzen)

Was ist hier aus psychotherapeutischer Sicht geschehen? (Was hier auf eine spezielle Situation hin dargestellt ist, lässt sich in großen Teilen ganz allgemein auf das Thema „Schuld“ / „Schuldgefühle“ und den Umgang damit übertragen)
Das Baby weit weg vom Anwesen verscharren
In der Hoffnung, mit dem Verscharren des Babys auch die Geschichte zu vergessen (zu verdrängen), ganz im Zeichen von „Aus den Augen, aus dem Sinn“, vergräbt der Baron das Baby und damit die Erinnerung in seinem Unbewussten. Im psychotherapeutischen Jargon spricht man hier von Verdrängung.

Das Baby hat sich in ein Monster verwandelt, das ihn nachts heimsucht
Hierbei könnte es sich um Albträume handeln, aber auch im weiteren Sinne um quälende Schuldgefühle und Selbstvorwürfe. „Wie konnte ich nur? Hätte ich nicht…“ „Bin ich ein Mörder? Habe ich mein eigenes Kind umgebracht?“ → Die Abwehr der verdrängten/abgespalteten Inhalte gelingt nicht vollständig; gerade nachts, wenn das Wachbewusstsein „gedämpft“ ist, kommen die unbewussten Inhalte ans Licht und sind dann umso quälender.

Das Kind im Ritual aufsuchen
Hier geht es um die bewusste Auseinandersetzung mit den verdrängten Inhalten, also der Tat, den Konsequenzen und allen begleitenden Gefühlen. Es findet also eine Kontaktaufnahme statt.

Das Kind auf den Arm nehmen
Nach der Kontaktaufnahme kommt der sicher schwierigste Teil – auch in der Filmszene spürt man förmlich den inneren Kampf des Barons: das an-sich-Heranlassen; das Aushalten des Schmerzes, des (Selbst?-)Ekels, der Angst, der Vorwürfe, …. Es geht hier im tiefsten Sinn um Selbstkonfrontation.

Das Kind zum Anwesen tragen
Sieht man das Anwesen symbolisch als die Lebenswelt und ein identitätsstiftendes Merkmal des Barons, geht es darum, die Verdrängung/Abspaltung weiter zu lösen und das Ereignis mit allen Konsequenzen in das eigene Leben zu integrieren.

Das Kind um Verzeihung bitten
An dieser Stelle spricht der Baron zum ersten Mal seine Schuld direkt aus, geht also von der Konfrontation noch einen Schritt weiter. Vielleicht wird ihm auch in diesem Moment zum ersten Mal das gesamte Ausmaß seiner Tat und seiner Schuld bewusst.
Wie wichtig Vergebung für die eigene Psychohygiene und den eigenen Seelenfrieden ist, ist sicher deutlich. Ich denke, dass es hier sowohl darum geht, dass sich der Baron Vergebung von dem Kind wünscht, als auch hofft, sich selbst vergeben zu können.
Dem Kind einen Namen geben
Wenn wir uns einer Person oder Gruppe vorstellen, nennen wir nicht umsonst zuerst unseren Namen: Namen sind in besonderer Weise identitätsstiftend. Aus dem „Etwas“, das der Baron vergessen möchte, wird ein Wesen mit einer Identität, mit einer nicht gelebten Geschichte, einem nicht gelebten Leben.
Auf einer anderen Ebene könnte man auch sagen, er „nennt die Sache beim Namen“, kann also seine Tat und seine Schuld zum ersten Mal richtig in Worte fassen.

Das Kind unter der Türschwelle begraben
Die Türschwelle kann natürlich auch sehr vielschichtig gedeutet werden. Die Handlung könnte einen weiteren Schritt in der Integration des Ereignisses ins Leben des Barons darstellen. Es könnte auch darum gehen, das Kind wieder in die Familie und ins Familienbewusstsein zu integrieren – es gehört dazu, auch, wenn tot ist.

Nach längerer Wartezeit Verwandlung in einen friedlichen Hausgeist, der hilft, Mutter und Tochter zu finden
Niemand – nicht einmal Geralt oder irgendein Ritual, vermag mit dem Finger zu schnippen und alles ist gut. Auch im Spiel muss gewartet werden, bis sich die Wandlung vollzieht. Auch ein innerer Prozess der Trauer und der Reue kann nicht beschleunigt werden, nicht durch ein Ritual einfach abgeschlossen werden.
Gelingt dieser Prozess, kann aus der schrecklichen Situation im besten Fall (!) etwas Gutes entstehen, das uns auf unserem weiteren Lebensweg begleitet. Die Lücke jedoch – das nicht gelebte Leben des Kindes – bleibt bestehen. Auch im Spiel. Auch hier wird nicht alles gut.

Geralt übernimmt in diesem Prozess eine erstaunlich therapeutische Rolle: Er kann dem Baron den schwierigen Weg nicht abnehmen, jedoch gibt Geralt Hilfestellungen, unterstützt an Stellen, wo es möglich ist, fungiert als Zeuge für diesen intimen Prozess und ist einfach „da“. Auch als Therapeuten können wir unseren Patienten die schwierigen Konfrontationen, den Schmerz, die Trauer, die Wut und alle anderen Gefühle nicht abnehmen, aber wir können Hilfestellungen geben und unsere Patienten durch unsere Anwesenheit begleiten und stützen.

Auch viele andere Geschichten lassen sich so deuten und können bei Menschen, denen diese Spiel-Geschichten vertraut sind, nochmals einen anderen Zugang zu eigenen Erfahrungen ermöglichen. Auch wenn auf einer Ebene wahrscheinlich ein intuitives Erfassen des Geschehens stattfindet, muss nach meiner Erfahrung meist von therapeutischer Seite eine gewisse Übersetzungsarbeit geleistet werden, um die Geschichten für die Lebensgeschichte des Patienten fruchtbar zu machen.
In gewisser Weise handelt es sich hier um moderne Märchen – wenn man sie richtig einzusetzen weiß…

Wie seht ihr das? Häufig wird ja in den Medien sehr kritisch über Computerspiele berichtet…

Autor: Jeca (Psychologik)

Willkommen auf meinem Psychologik-Blog: http://psychologik.blog Ich bin Psychologin in Tübingen und arbeite dort in eigener Praxis.

3 Kommentare zu „Sind Computerspiele psychotherapeutisch nutzbar?“

  1. Ich finde das sehr beeindruckend. Ich selbst spiele zwar kaum Computerspiele, bin aber ein Verfechter davon, dass Videospiele nicht pauschal aggressiv oder dumm machen, wie es oft dargestellt wird und mir von besorgten Omas und Müttern auch schon reichlich berichtet wurde. Es ist, wie bei so vielen Dingen, der Umgang mit Computerspielen. Es zu verbieten, macht es nur interessanter. Und da ich ohnehin jemand bin, der in Medien (egal, ob Film, Musik oder eben Gaming) sehr großes Potential sieht – gerade auch für Menschen, die sich nicht so viel mit ihrer Psyche beschäftigen möchten – stehe ich Computerspielen sehr positiv gegenüber. Es kann als eine sehr gute Diskussionsbasis dienen und gerade auch für Kinder und Jugendliche (natürlich entsprechende Spiele) ein Anstoß sein über Gefühle oder schwierige Situation zu reden. Liebe Grüße

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    1. Da stimme ich dir zu! Sicher braucht es in vielen Fällen ein Gegenüber, um die „Übersetzungsarbeit“ vom Spiel in die Realität zu leisten bzw. um Parallelen zu ziehen, aber dann können Spiele einen großen Beitrag dazu leisten, gute Therapie zu machen, gesellschaftlichen Diskurs anzuregen oder Neues zu lernen. 🙂

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