„Ist das nicht schwierig?“

Stelle ich mich und meinen Beruf vor, werde ich häufig gefragt, ob das nicht „schwierig“ und „belastend“ sei,„immer diese schlimmen Geschichten anhören zu müssen“. Viele Menschen sind dann überrascht, wenn ich entgegne, dass ich eine ganz andere Kategorie Gespräche als schwierig empfinde.

Wenn ich an schwierige Gespräche denke, sind das nicht in erster Linie die Gespräche über traumatisierende Erlebnisse. Von diesen lasse ich mich natürlich berühren, kann dann aber auch professionell Abstand nehmen – ich nutze hier gerne das Bild von zwei Booten: Der Patient/Klient sitzt im einen Boot, ich im anderen. Ich steige mit einem Bein ins Boot des Patienten – lasse mich also berühren von dem, was ihn bewegt – bleibe aber mit dem anderen Bein in meinem eigenen Boot – behalte mir (und meinem Gegenüber!) also die Sicherheit und Stabilität meines eigenen Bootes.

Die wirklich schwierigen Gespräche sind die, in denen sich gefühlt nichts bewegt. Ich denke an Gespräche zurück, die gefüllt mit „Stories“ waren, die mir erzählt wurden, von denen ich bis heute nicht weiß, ob sie erfunden waren oder nicht. Inhaltsleere, nicht authentische Erzählungen. Stunden, in denen ich spüre, es geht am Eigentlichen vorbei und ich finde keinen Einstieg zum Kern. Ich bleibe aufmerksam, suche „Fäden“, vielleicht geht es ja doch um etwas Substanzielles. Aber oft bleibe ich dabei auf der Strecke, fahre gefühlt gegen eine Wand.

Ja, manchmal sehne ich das Stundenende dann herbei.

Das heißt jedoch nicht, dass ich die Person nicht schätze und die Arbeit beenden möchte. Im Gegenteil. Solche „quälenden“ Stunden können substanziell wichtig sein, auch wenn sie sich über Monate hin ziehen und mich dann auch wirklich Kraft kosten. Der Patient oder die Patientin braucht vielleicht einfach noch Zeit, bis er/sie sich wirklich einlassen kann. Vielleicht geht es auf einer Ebene auch um ein „Testen“, ob das Gegenüber (ich) auch etwas aushalten kann oder sich gleich resigniert zurückzieht.

Natürlich kann es genauso um Beziehungsvermeidung gehen – hier dann irgendwann Zugang zu bekommen ist eine große Kunst – sicher gelingt sie mir nicht immer.

Was ich aber häufig erlebe, ist, dass irgendwann eine Wandlung einsetzt. Die inhaltsleeren Phasen werden kürzer, authentische Äußerungen nehmen zu, unsere „echte“ Beziehung gewinnt an Boden und eine „richtige“ Arbeit wird möglich.

Befinde ich mich in einer „schwierigen“, gar „quälenden“ Phase mit einem Klienten, versuche ich, mir dieses „Ziel“ in Erinnerung zu rufen. Und bisher haben wir uns immer gemeinsam irgendwann in diese Richtung bewegen können…

Autor: Jeca (Psychologik)

Willkommen auf meinem Psychologik-Blog: http://psychologik.blog Ich bin Psychologin in Tübingen und arbeite dort in eigener Praxis.