„Die Manschaft“ als Sinnbild einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur

 

Diesen Beitrag habe ich für einen kleineren Leserkreis hier schon kurz nach dem WM-Aus veröffentlicht; aber nachdem Herr Löw heute nochmals Stellung bezogen hat und die Sache wieder an Aktualität gewonnen hat, habe ich mich dazu entschieden, ihn auch hier – unverändert – zu veröffentlichen.
Die Hypothese ist steil, sie steht schon im Titel. „Die Mannschaft“ als Sinnbild einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur.
In einer psychotherapeutischen Arbeit mit einem Patienten würde ich mich langsam mit dieser Hypothese vorarbeiten, neue Informationen auf Verträglichkeit mit der Hypothese prüfen, nach und nach eventuell in kleinen Häppchen mein Gegenüber damit konfrontieren. All das ist in diesem Fall natürlich nicht möglich und so kann ich nur die Eindrücke der letzten Spiele sammeln, nachspüren, was ich bei mir selbst erspürt habe („Gegenübertragung“ nennen wir das) und den Versuch wagen, ein Modell daraus zu formen.

Die deutsche Mannschaft hat den mythischen „Fluch des Weltmeisters“ weitergetragen – Ende in der Vorrunde. Wie konnte das passieren? Gemutmaßt wird viel; schnell sind Schuldige gefunden. Hätte xy nicht gespielt, dann… Ist es so einfach?

Mir scheinen einige Dinge schief gegangen zu sein – das Zusammenspiel zwischen „Jung und Alt“, vielleicht auch manche Aufstellung oder Einwechsel. Darum soll es hier nicht gehen.
In meiner Arbeit habe ich öfter mit narzisstischen Persönlichkeiten zu tun. Diese Menschen wirken aufs Erste oft faszinierend. Sie sind häufig „Macher“, charmant, charismatisch, man ist schnell beeindruckt. Diese Menschen scheinen eine Aura um sich zu tragen, deren Schein so gleißend hell ist, dass er blendet. Selbst dann, wenn der Person offensichtlich Fehler unterlaufen.
Klingelt da was? Selbst nach den vergeigten Testspielen, dem ernüchternden Mexiko-Auftaktspiel und der Zitterpartie gegen Schweden waren in manchen Zeitungen Sätze zu lesen wie „Deutschland stirbt nie!“ (Marca) oder „“Deutschland, das alte Deutschland, das Team, das die meisten Triumphe einfährt, wenn es so aussieht, als liege es im Sterben, ist wieder auferstanden.“ (El País).
Jedoch gibt es bei narzisstischen Persönlichkeiten noch eine andere Seite. Als Therapeuten bekommen wir, wenn alles gut geht, irgendwann Kontakt zu dieser Seite. Zu der, die unter massiven und oft existenziellen Selbstzweifeln leidet. Die überfordert ist mit dem Ruhm und den Erwartungen, die an sie herangetragen werden. Bricht diese Seite massiv durch, erleben wir den Fall des Narzissten in eine tiefe Depression. Die Grandiosität der anderen Seite hat die Oberhand verloren und es folgt der Sturz in den Abgrund. Je nachdem, wie stabil der Narzisst in seiner Persönlichkeitsstruktur ist, reicht dazu eine kleine Verunsicherung aus und der Mensch ist völlig aus dem Gleichgewicht gebracht.
Das habe ich in der ersten Halbzeit des Schweden-Spiels am deutlichsten gesehen. Ein toller Start mit tollen Chancen, der Aufwind gibt. Nach etwa 20 Minuten kommt es zum ersten ernsten Ballverlust, der ersten gefährlichen Aktion, kurz darauf fällt das erste Tor. Und zusätzlich scheidet Rudy mit gebrochenem Nasenbein aus. Und das -in meinem Empfinden- mühsam aufgebaute Selbstwertgefühlt der Mannschaft ist mit einem Mal im Nichts verschwunden. Man fragte sich: „Was in aller Welt passiert da?“; es schien Chaos und völlige Verunsicherung ausgebrochen zu sein. Mit einem Mal war nichts mehr zu sehen von schönen Kombinationen und guten Chancen.
Nach einem laut Presse aufbauendem Gespräch in der Halbzeitpause ging es mit einem halbwegs stabilisierten Selbstwertgefühl wieder aufs Feld, das erste Tor für Deutschland war im Kasten und die Welt schien wieder einigermaßen in Ordnung. Das 2:1 in letzter Minute nach einer Achterbahnfahrt der Gefühle beendete das Spiel.

Dennoch – von einem gesunden narzisstischen Gleichgewicht schien die Mannschaft meilenweit entfernt. Die einen Stimmen (sowohl innerhalb der Mannschaft als auch im Außen) waren überaus zuversichtlich, mancher traute der Mannschaft nun wieder alles zu (wie in einst „goldenen Zeiten“, in denen es regelmäßig „müllerte“), viele blieben zurückhaltend. Mancher zeichnete ein negatives Bild. Die inneren Stimmen einer narzisstischen Persönlichkeit waren also allesamt da: Die Grandiosität auf der einen Seite, die Depressivität auf der anderen Seite und der Teil, den wir therapeutisch dringend als Verbündeten brauchen: Die realistische Seite. Es war klar, es würde schwierig werden.
Aus der Angst heraus, Fehler zu machen (depressive Seite) konnte kein vernünftiges Spiel entstehen. Exakt das haben wir vor allem in der ersten Halbzeit des Südkorea-Spiels zur Genüge gesehen. Angst lähmt. Die Kreativität und die Fähigkeiten, die diese Mannschaft ja tatsächlich besitzt, gingen völlig unter im starren „keine-Fehler-Machen“. Im Gegenteil – genau dadurch entstanden Fehler am laufenden Band. Unnötige Ballverluste, Fehlpässe, …
Ein Narzisst im „Überlebensmodus“ kann ähnlich reagieren: Die Realität konfrontiert damit, dass die Grandiosität ein Phantasiekonstrukt ist; der Fall in die depressive Seite ist eingeleitet, mit letzter Kraft werden Kräfte mobilisiert, um diesen Sturz aufzuhalten. Nur keine Fehler mehr machen, vielleicht kann noch etwas gewahrt werden.

Es konnte nicht.
Zurecht.

Auf der Mannschaft lastete der große Erwartungsdruck der Welt. Wie wird sich der Weltmeister schlagen? Die gloriose Aura dieser Mannschaft schien in die ganze Welt zu strahlen. Dem kann man gar nicht gerecht werden.
Zudem schien die Mannschaft ein zusammengewürfeltes Konstrukt aus „Alt und Jung“ zu sein; Ereignisse im Vorfeld wie die ungünstige Aktion von Gündogan und Özil knabberten sicher stark am Selbstwertgefühl der Spieler, die verlorenen Testspiele brachten von vorn herein Verunsicherung mit sich… Nicht nur die Mannschaft als solches, viele der Spieler schienen ganz persönlich in einer ungewöhnlich instabilen Lage bezüglich ihres Selbstwerts zu sein.

So kann man seinen Titel nicht verteidigen. Hoffen wir, dass die Mannschaft zu einem gesunden Selbstwertgefühl zurück findet und die Berg- und Talfahrt einer narzisstischen Struktur ein Ende nimmt.

Autor: Jeca (Psychologik)

Willkommen auf meinem Psychologik-Blog: http://psychologik.blog Ich bin Psychologin in Tübingen und arbeite dort in eigener Praxis.