Wozu brauchen wir Wut?

Die Wut gehört zu den Gefühlen, die wir meist nicht  sogern an uns sehen. Sie scheint nicht in das Bild zu passen, das wir von uns haben als zivilisierte Bürger, als zuverlässiger Arbeitnehmer, als gute Ehefrau, liebender Vater,… Noch heute wachsen viele Menschen mit der Botschaft auf, dass man nicht wütend zu sein hat, denn dann passiert automatisch etwas Schlimmes. Schließlich geht immer etwas kaputt, wenn man wütend ist.
In diesen wenigen Sätzen stecken eine ganze Reihe an Missverständnissen und falschen Voraussetzungen. Habt ihr sie gefunden?

Ausschlaggebend dafür ist meines Erachtens die falsche (!) grundsätzliche Auffassung, dass Wut destruktiv ist. Mit Wut zerstören wir nicht grundsätzlich etwas. In ihrer Grundform als Gefühl ist Wut erst einmal Energie. In der Wut könnten wir Bäume ausreißen, eine Kraft wird frei, mit der wir oft nicht umzugehen wissen. Und dann geschieht es oft, dass diese Kraft in die falschen Kanäle gelenkt wird und dann eben doch destruktiv genutzt wird. Beispiele dafür finden wir jeden Tag in den Nachrichten. Falsch kanalisierte Wut führt zu destruktiven Verhaltensweisen, aber die Wut an sich ist nicht destruktiv.

Dass man Wut konstruktiv nutzen kann und auch dafür gedacht ist, ist für viele meiner Patienten eine ganz neue Erkenntnis. Wut ist sogar ein sehr wichtiges Gefühl – sie zeigt mir nämlich, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Zum Beispiel dann, wenn ein für mich wichtiger Wert in Gefahr ist. Oft sind das Grenzüberschreitungen in irgendeiner Form: Ein aufdringlicher Nachbar, der beim Paketabgeben ungefragt in die Wohnung kommen will, ein Unbekannter, der eine mir wichtige Person beleidigt oder ein Ehestreit, in dem sich die Partner in ihren Bedürfnissen nicht mehr gesehen oder ernst genommen fühlen. Diese Beispiele haben etwas gemeinsam: Man kann die Energie der Wut konstruktiv nutzen: Um den Nachbarn mit einem bestimmten Ton der Wohnung zu verweisen, die Beleidigungen durch den Unbekannten zu unterbinden oder klar Position zu seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen gegenüber seinem Partner zu beziehen. Ohne die Energie, die uns durch die Wut und das Adrenalin zugeführt wird, könnten wir uns an diesen Stellen nicht abgrenzen. Und diese Abgrenzung kann (und soll!) ohne den Einsatz von Gewalt geschehen!

Schauen wir uns die Dame oben im Bild an, wird eins klar: Wir sollten ihr nicht zu nahe kommen – die hat Power und wird ihre Position verteidigen. Weinend könnte sie diese Botschaft nicht transportieren.
Und dann mogeln sich da noch unsere Rollenklischees unter, wie ich sie schon im letzen Beitrag ausgeführt habe: Als Dame schickt es sich nicht, wütend zu sein.

In unserer Gesellschaft wird Wut leider automatisch und unreflektiert mit „Gewalt“ gleichgesetzt, wodurch ihr ein negatives Image anhaftet, das ihr eigentlich gar nicht zusteht…

 

 

(Bildquelle: https://pixabay.com/de/zorn-w%C3%BCtend-schlecht-isoliert-18615/)

Autor: Jeca (Psychologik)

Willkommen auf meinem Psychologik-Blog: http://psychologik.blog Ich bin Psychologin in Tübingen und arbeite dort in eigener Praxis.