Weinender Wüterich und schreiende Trauer – Ersatzgefühle

Im Gespräch mit Patientinnen höre ich oft, wenn ich nach dem Umgang mit Wut frage, die Antwort: „Dann fange ich an zu weinen und ziehe mich zurück“. Patienten antworten auf die Frage, was sie bei Traurigkeit tun, oft: „Dann fange ich an zu schreien“.
Wir kommen dann meist schnell zu der Feststellung, dass Weinen eigentlich nicht so gut zur Wut passt und Schreien nicht (an erster Stelle) zur Traurigkeit; eigentlich müsste man die Reaktionen eher umgekehrt zuordnen.
Wieso also geschieht das und weshalb ist es meiest so, dass gerade Frauen in der Wut eher weinen und Männer bei Traurigkeit laut werden? Um das zu verstehen, können wir uns das Konzept der Ersatzgefühle aus der Transaktionsanalyse zunutze machen.

Bei diesem sogenannten Ersatzgefühl handelt es sich um ein Gefühl, das anstelle des eigentlichen Gefühls gezeigt (und oft auch gefühlt) wird – so, wie in den obigen Beispielen. Dabei handelt es sich meist um ein Muster, das wir seit frühester Kindheit so praktizieren. Wenn wir auf ein Ersatzgefühl zurückgreifen, hat das meist den Ursprung, dass das „echte“ Gefühl in der Kindheit nicht erlaubt war. Jungs bekommen noch immer häufig zu hören: „Ein Junge weint nicht!“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ und Mädchen: „Als Dame benimmt man sich aber nicht so!“. Ersatzgefühle haben also häufig etwas mit unseren Rollenklischees zu tun, die uns anerzogen werden. Bei vielen Menschen blieb es auch nicht beim ermahnenden „das tut man aber nicht“, sondern es wurde eine Strafe angedroht oder umgesetzt. Ich erinnere mich an einen Klienten, der mir erzählte, man habe ihm bei einem Arztbesuch als Kind mit einer Spritze gedroht, wenn er nicht sofort aufhöre, so unmännlich zu weinen.

Vom Ersatzgefühl wieder ins Fühlen und Äußern des echten Gefühls zu kommen, ist oft ein ganzes Stück Weg, aber einer, der sich lohnt. Denn auf unseren Ersatzgefühlen bleiben wir schlussendlich doch „sitzen“; die eigentliche Energie, die in der Wut steckt und die man beispielsweise in der Abgrenzung benötigt, verpufft in Tränen und kann nicht wirksam werden. Und den nötigen Rückzug oder das Getröstetwerden, das die Traurigkeit impliziert, bekomme ich nicht, wenn ich schreie.

 

 

(Bildquelle: https://pixabay.com/de/wut-w%C3%BCtend-frustriert-emotion-zorn-1015611/)

Autor: Jeca (Psychologik)

Willkommen auf meinem Psychologik-Blog: http://psychologik.blog Ich bin Psychologin in Tübingen und arbeite dort in eigener Praxis.